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Mit Flügeln in die weite Welt und Sehnsucht nach der Heimat

Benjamin Seipel und Christina Brudereck von 2Flügel gastierten am Freitagabend in der Galerie des Klosters Gnadenthal. Im Rahmen ihres neuen Bühnenprogramms „Wo auch immer“ begleiteten die Theologin und der Pianist ihre Zuhörer auf Stippvisiten in exotische Länder und Städte und weckten in manch einem zugleich Sehnsucht nach der Ferne und nostalgische Erinnerungen an die Heimat.
... Benjamin Seipel bilden das Duo »2Flügel«. Foto: Dowidat ... Benjamin Seipel bilden das Duo »2Flügel«.
Hünfelden-Gnadenthal. 

„Heimat ist eine Sehnsucht“, prangt in schwarzen Lettern auf der Postkarte des Duos, die das Paar überall im Saal verteilt hat. Es ist der erste Versuch einer Definition von Heimat, an der sich die Theopoetin Christina Brudereck an diesem Abend noch so oft versuchen wird.

Denn am intensivsten erlebt man Heimat in der Ferne, wenn sie einem am meisten fehlt. In humorvoller Weise berichtet die Vokalistin so von ihrem Streifzug durch die Innenstadt Jerusalems, auf der Suche nach deutschen Brot. „Liebe geht durch den Magen.“, seufzt sie. „Aber Heimat eben auch.“

Christina Brudereck und ... Bild-Zoom Foto: Dowidat
Christina Brudereck und ...

Sie erzählt von Begegnungen mit der jüdischen Pianistin Alice Herz-Sommer, die trotz der furchtbaren Erfahrungen des Holocausts nie den Glauben an die Kraft der Musik und der Vergebung verlor. Von einem israelischen Buchhändler, der sich seine Heimat erst vor Gericht erkämpfen musste. Und sie erzählt von ihrer ersten großen Reise als Achtzehnjährige nach Pretoria, wo Nelson Mandela und seine Gefährten 1994 das Wahlrecht für die gesamte Bevölkerung erstritten – nicht nur für die weiße Minderheit des südafrikanischen Staates.

„Lieblingsgeschichten voll Widerstand und Hoffnung“ lautet der Untertitel des neuen Bühnenprogramms der beiden Essener, doch die Geschichten von Christina Brudereck erzählen von so viel mehr: Immer wieder zieht sie neue Verbindungen zwischen Heimat und Ferne, zwischen Freiheit und Rückkehr, Verzweiflung und Hoffnung.

 

Kaum Zeit zum Luftholen

 

Doch die Theologin ist nicht die einzige Akteurin des Abends, die es so meisterhaft versteht, auf der Klaviatur der Gefühle von heiter bis melancholisch zu spielen: Denn neben den Engelsflügeln aus weißen Daunenfedern, die ganz vorne in der Galerie aufgebaut sind, steht – Seite an Seite – ein schwarzer Flügel. Vor diesem sitzt Pianist Benjamin Seipel und unterstreicht auf gefühlvolle Art und Weise die Geschichten seiner Partnerin. Leicht und beschwingt gleiten seine Finger über die Tastatur, um die Titelmelodie von „Pippi Langstrumpf“ und „James Bond“ zu einem besonderen Medley zu verbinden; rasant jagt er den Tönen in eigenen Improvisationen nach und lässt dem staunenden Publikum kaum Zeit zum Luftholen.

Doch auch der virtuose Dozent der Musikhochschule in Köln bleibt nicht nur Begleiter – auch Benjamin Seipel hat Anekdoten von Freiheit, Fernweh und Heimatgefühlen zu erzählen. Dabei bewahrt auch er den tiefgründigen Charakter, der der gesamten Vorstellung innezuwohnen scheint. Beispielsweise in seinem ersten Stück, welches den Titel „Das Leben ist wie eine Reise“ trägt. „Vielleicht lauf ich davon und bin doch längst schon angekommen.“, fragt er selbstkritisch. Doch aller ungelösten Fragen zum Trotz – Zuversicht finden die Künstler in aller Fremde vor allem in einer Gewissheit: „Jeder Mensch ist ein Gottesbote.“ Und als sich Christina Bruderecks Stimme zum letzten Mal zu einer Hymne auf die Freiheit erhebt, um mit Benjamin Seipels gefühlvollen Flügel-Improvisationen leise zu verebben, geht der Flügelschlag des zweiten – des unsichtbaren – Flügels spürbar durch das Gnadenthaler Publikum. Eine intensive Begegnung, die sich auch im Nachhinein schwer in Worte fassen lässt. „Das lässt sich nicht beschreiben.“, sagt eine Zuhörerin. „Das muss sich jetzt alles erst einmal setzen.“ Doch das selige Lächeln in ihrem Gesicht sagt so viel mehr als tausend Worte. led

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