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Flüchtlinge in Limburg: Nach Sitzstreik in Massenunterkunft ist wieder Ruhe eingekehrt

Unter den Flüchtlingen auf der Dietkircher Höhe steigt die Unzufriedenheit. Sie ärgern sich über das monatelange Warten, fehlende Privatsphäre und fehlende Kochmöglichkeiten. 40 Bewohner brachten ihren Unmut durch einen Sitzstreik zum Ausdruck.
Ein Blick von der Straße aus: Die Industriehalle wurde mit Holzverschlägen in Parzellen aufgeteilt. Foto: Johannes Koenig Ein Blick von der Straße aus: Die Industriehalle wurde mit Holzverschlägen in Parzellen aufgeteilt.
Limburg-Dietkirchen. 

„Sieben Monate hier in der Dietkircher Flüchtlingsunterkunft leben? Das ist wirklich ein Problem“, sagt Awet, ein junger Somalier, der seit zwei Monaten in der ehemaligen Montagehalle der Firma Ohl lebt. Manche seiner rund 100 Mitbewohner wohnen aber tatsächlich schon seit über sieben Monaten in der Halle im Gewerbegebiet auf der Dietkircher Höhe.

„Die Halle wurde Anfang des Jahres zur Gemeinschaftsunterkunft für maximal 260 Flüchtlinge umgebaut“, heißt es in der offiziellen Stellungnahme der GAB, der kreiseigenen, gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaft. Die betreibt die Einrichtung im Auftrag des Landkreises.

Feuerschutz: Keine Decken

Trennwände teilen den Innenraum in Parzellen. Dazwischen stehen Stockbetten, Spinde, Tische und Stühle. „Es wird viel geschrien, besonders abends, wenn Leute betrunken sind“, erzählt Awet. Die Trennwände schützen zwar vor Blicken, aber nicht vor Geräuschen. „Wenn am einen Ende der Halle ein Kind schreit, hört man es in der ganzen Halle“, berichtet ein Mitarbeiter, der ungenannt bleiben möchte.

Die GAB erklärt: „Aus Gründen des Brandschutzes gibt es keine Raumdecken. Denn die räumliche Aufteilung musste bau- und brandschutzrechtlich genehmigt werden und ist daher auch nicht ohne Weiteres zu ändern.“ Ihren Mitarbeitern sei aber durchaus bewusst, dass die Unterbringung mit Unannehmlichkeiten und vielen Einschränkungen verbunden sei. Deshalb stehe in der Halle auch eine große Fläche als Aufenthalts- sowie als Schlaf- und Ruhezone zur Verfügung.

„Der beauftragte Wachdienst hat vor allem die Aufgabe, den Brandschutz, die Funktionsfähigkeit der technischen Einrichtungen und den Zugang zu der Unterkunft zu überwachen“, heißt es weiter in der Stellungnahme. Die Betreuung der Flüchtlinge gehöre nicht zu seinen Aufgaben. „Mir wurden Sachen gestohlen. Ich bin dann zur Security, die den Vorfall zwar aufschrieb, aber wegen fehlender Zeugen nichts machen konnte“, ergänzt Awet.

Neben der fehlenden Privatsphäre führen insbesondere die Verpflegung sowie die nicht vorhandenen Kochmöglichkeiten immer wieder zu Spannungen. „Morgens und abends gibt es Brötchen mit Käse, Wurst oder Nutella. Mittags wird warmes Essen, oft Reis oder Nudeln, angeliefert“, berichtet Awet. „Ich bin kein großer Esser, mir macht die mangelnde Abwechslung nichts aus. Das hier alles ist ja sowieso nur eine Zwischenlösung“, betont er.

Campingkocher im Einsatz

Andere haben damit aber offenbar mehr Probleme. So nutzen Flüchtlinge immer wieder die wenigen vorhandenen Steckdosen dazu, Campingkochplatten anzuschließen, um sich abends noch was Warmes zu kochen, oder die Reste des Mittagessens mit Gewürzen aus der Heimat aufzupeppen. Denn die letzte Essenausgabe erfolgt in der Unterkunft gegen 18 Uhr. Offenbar viel zu früh für manche, die in ihrer Heimat gewohnt waren, wesentlich später zu essen. Sind allerdings mehr als zwei Kochplatten gleichzeitig im Betrieb, fliegt die Sicherung raus.

Im August steigerte sich die Unzufriedenheit unter den Flüchtlingen so weit, dass 40 von ihnen in einen friedlichen Sitzstreik traten. Auf Klappstühlen und in der Begleitung von Kindern hinderten sie das Küchenfahrzeug am Verlassen des Geländes. Weder Polizei noch GAB bestätigen allerdings diese Protestaktion.

Logistische und hygienische Gründe sprächen, laut GAB, gegen eine eigene Essenszubereitung durch die Bewohner. „Denn in dem Fall müssten in der Unterkunft Lebensmittelvorräte für bis zu 260 Personen kühl gelagert und sinnvoll genutzt werden, was nicht leistbar ist.“ Erfahrungsgemäß komme es schon in kleineren wohnungsähnlichen Gemeinschaftsunterkünften bei der Nutzung von Küchen und Einrichtungsgegenständen zu Streits. Diese reichten vom Verlust von Lebensmitteln bis zu Reibereien über die einzuhaltenden Kochzeiten und wirkten sich auf das Miteinander und die Stimmung aus. „Die Versorgung der in Dietkirchen untergebrachten Flüchtlinge erfolgt durch einen heimischen Caterer mit Erfahrung in dieser Art der Versorgung.“

Mit Blick auf die Stimmung heißt es weiter, dass die schon seit längerer Zeit dort lebenden Menschen inzwischen mit den Besonderheiten des Zusammenlebens vertraut seien und vor allem die Nähe zur Stadt Limburg schätzten. „Das ist für viele auch ein Grund, angebotenen Wohnraum in kleineren Unterkünften außerhalb von Limburg nicht oder nur zögerlich anzunehmen.“ Ein Mangel wurde aber inzwischen abgestellt: Während des heißen Sommers gab es keine Möglichkeiten, Wasserflaschen kühl zu lagern. Nun wurden Geräte zur Ausgabe von gekühltem Wasser aufgestellt.

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