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Reiten: Pferd schenkt Blindem wieder Lebensfreude

Von Horst Baumeister hat vor sieben Jahren sein Augenlicht verloren, weil er Diabetes hat und nicht ausreichend auf die Zuckerwerte achtete. Sein Leben hat sich seitdem dramatisch verändert. Aber Pferd Carlos hat dem 46-jährigen Bad Camberger wieder Lebensfreude zurückgebracht.
Sie sind Freunde fürs Leben: die „Außenseiter“ Carlos und Horst. Bilder > Sie sind Freunde fürs Leben: die „Außenseiter“ Carlos und Horst.
Hadamar/Bad Camberg. 

Der Bad Camberger Horst Baumeister ist im Alltag auf einen Stock und einen Blindenhund angewiesen. Doch wenn der 46-jährige Frührentner reitet, fühlt er sich von seiner Alltagslast befreit. Horst Baumeister sitzt lächelnd auf seinem Pferd. Es tut dem Bad Camberger sichtlich gut, auf dem Dülmener Wildpferd Carlos zu reiten. Horst ist aber anders als die anderen Reiter, die bei Stephanie Kirchner in Oberweyer Unterricht nehmen: Der Bad Camberger ist blind.

„Reiten ist für mich eine Befreiung“, sagt der Kurstädter: „Auf dem Pferd fühle ich mich nicht so eingeengt.“ Er muss nicht bei jedem Schritt schauen, dass eine Stolperfalle droht, er muss mal eine Stunde nicht das nervige Klackgeräusch hören, das sein Blindenstock verursacht, wenn er auf den Boden tippt.

Dem Metzger entronnen

Horst Baumeister reitet schon sehr lange. Warum der sensible Bär von einem Mann schon früh Pferde liebte? „Pferde lügen nicht, sie sind wahre Freunde.“ Als er nach dem Erblinden auf der Suche nach einem Verein war, wollte ihn keiner nehmen. Gleiches erlebte er in Fitnessstudios. Manche sagten ihm den Grund nicht offen, andere gaben zu, dass ihnen der Betreuungsaufwand oder Unfallrisiko für einen Blinden zu groß sei. Gut, dass Horst die Runkelerin „Steffi“ Kirchner kannte, die sich mittlerweile mit einem Hof in Oberweyer als Reitlehrerin selbstständig gemacht hat. Bei ihr war das alles überhaupt kein Problem. „Ich erziehe die Pferde so, dass sie Spaß haben, aber auch den Reitern gefallen wollen“, sagt die 29-Jährige.

Carlos hat genau wie Horst schon manch Schlechtes im Leben ertragen müssen. Aufgewachsen ist als Dülmener Wildpferd, wurde dann aber eingefangen, weil es zu viele Hengste in der Herde gab. Carlos landete bei einem Metzger und hatte großes Glück, dass genau dieser Tage kein Frischfleisch gebraucht wurde und er deshalb heute noch lebt. Steffi sah sein Bild im Internet, wie Carlos am Kopf festgebunden auf dem Hof des Metzgers stand. Sofort war die Reitlehrerin mit großem Herz bereit, dem Metzger das Pferd abzukaufen.

Obwohl Carlos als Wildpferd Menschen nicht gewohnt war, schaffte sie es mit viel Liebe, dass er innerhalb von nur einer Woche Vertrauen aufbaute und reitbar wurde. „Jedes Pferd hat wie jeder Mensch einen eigenen Charakter“, sagt Steffi Kirchner. Auf jedes Pferd könnte sich Horst Baumeister auch nicht setzen. Aber Carlos ist ungeheuer feinfühlig. „Ich bin überzeugt, er weiß, dass Horst blind ist, und entsprechend behutsam geht er mit ihm um“, sagt Kirchner. Daher hat der blinde Reiter keine Angst, dass Carlos ohne seine Kommandos in ein Hindernis reitet und ihn abwirft.

Ohne menschliche Begleitung würde der Kurstädter trotzdem nichts ins Gelände reiten. „Das Tier kennt den Weg zurück zum Stall“, weiß Baumeister: „Aber was das Pferd nicht abschätzen kann, ist meine Größe auf seinem Rücken“. Das heißt, es könnte passieren, dass Carlos unter Ästen hindurch läuft, die Horst treffen könnten. Darum reitet er nur mit Steffi aus. Wenn sie vorneweg reitet, folgt Carlos ihrem Pferd La Luna, und die Verletzungsgefahr ist praktisch gebannt.

Für den Kurstädter ist es pures Glück, reiten zu können und sich dabei so frei zu fühlen, wie er sich seit seiner Erblindung im Alltag nicht mehr fühlen kann. „Man verliert schnell Bekannte, wenn man für andere nur noch eine Belastung ist“, berichtet er. Er will anderen nicht zur Last fallen und um aktive Hilfe bitten. Folglich kann er nicht häufig zu Steffi kommen, weil Oberweyer eben nicht an der Bahnstrecke liegt und Horst Baumeister für den Weg zum Reitstall einen Fahrer braucht.

Was Horst traurig macht, ist, dass er über die Jahre vergessen hat, wie viele Dinge aussehen. „Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie ein Sternenhimmel aussieht“, sagt er. Für einen Blinden würden andere Dinge wichtig und dadurch würden alte Sachen aus der Erinnerung verdrängt. Weißt du noch, wie ein Pferd aussieht? „Ja, das weiß ich“, sagt er mit einem Lächeln. Da Carlos die Ruhe selbst ist, ist das Aufsteigen auch kein Problem. „Ich kann aber nicht spüren, ob ich gerade im Sattel sitze“, sagt Horst. Da kann Steffi ihm Hinweise geben. Auf der Bahn kann der Camberger natürlich nicht erkennen, wo das Ende des Vierecks und der Zaun sind. Aber Steffi reitet vor, nennt ihm die Zahl der Sekunden, wie lange das Pferd im langsamen Gang von einer bis zur anderen Seite braucht. Horst zählt laut mit – und das richtig sicher. Er weiß, wenn er nach links reiten muss und gibt Carlos mit dem Zügel das passende Kommando.

Für Rollstuhlfahrer

Steffi Kirchner ist überzeugt davon, dass sie ein Pferd so trainieren könnte, dass es mit einem Blinden sogar über einen Springparcours gehen würde. Genauso wie sie unter Pferden Außenseiter liebt und vielen Tieren Gnadenbrot gibt, sind ihr Außenseiter unter den Menschen ein Anliegen. So will sie einem Pferd beibringen, einen Rollstuhlfahrer im Sitzen aufsteigen zu lassen. Wenn dessen Beine festgebunden werden, könnte ihm das Reiten ermöglicht werden.

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