E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Limburg an der Lahn 23°C

Verrückte Extremsportart: Plötzlich ist Larissa Scheiwein Tentpegging-Star

Von Sie ist mit einem Säbel durch die Flughafenkontrolle spaziert, hat sich mit einer wildfremden Frau ein Zimmer in Indien geteilt, musste mit Kulturschock und Versagensangst fertigwerden – und wurde dann innerhalb weniger Tage zum Star: Wie eine verrückte Extremsportart Larissa Scheiweins Leben für immer verändert hat.
Die wichtigste Lektion beim Tentpegging: Niemals den Säbel loslassen. Dann besteht die Gefahr, hineinzufallen. Die wichtigste Lektion beim Tentpegging: Niemals den Säbel loslassen. Dann besteht die Gefahr, hineinzufallen.
Villmar/Great Noida. 

In Zeiten des Terrors fällt die junge Frau mit dem Waffenkoffer sofort auf, die langsam durch die Halle des Frankfurter Flughafens schlendert. „Hätte ich mich doch nicht auf die Sache eingelassen“, denkt sich Larissa Scheiwein in diesem Moment. Doch es ist zu spät: Die Bundespolizei hält die 19-jährige Villmarerin an – und entdeckt in ihrer Tasche einen messerscharfen Säbel. „Ich brauche den fürs Tentpegging“, sagt Scheiwein. Und erntet, wie immer, verständnislose Blicke.

Larissa ist stolz auf ihre Teilnehmerplakette beim U23-Worldcup in Indien. Bild-Zoom
Larissa ist stolz auf ihre Teilnehmerplakette beim U23-Worldcup in Indien.

Denn während diese Extremsportart in Asien und Südafrika weit verbreitet ist, kennt man sie in Deutschland kaum. Der Sport habe sich aus der militärischen Arbeit in Asien entwickelt, sagt Scheiwein: Berittene Soldaten seien nachts in die Lager der Feinde eingedrungen und hätten die Zelthalterungen aufgespießt. Die Zelte stürzten ein, das gegnerische Lager versank im Chaos, die Soldaten hatten leichtes Spiel.

Heute müssen Tentpegger aus vollem Galopp in einer Zweier- oder Viererformation mit Pferden Holzpflöcke oder Zitrusfrüchte aufspießen. Und das so synchron wie möglich. Denn der Gleichklang des Teams ist das dritte wichtige Kriterium neben Geschwindigkeit und Treffsicherheit.

Eigentlich ist Larissa Scheiwein Auszubildende der Runkeler Stadtverwaltung. Doch an diesem Tag am Frankfurter Flughafen ist sie als Mitglied des U23-Tentpegging-Nationalteams auf dem Weg zur Weltmeisterschaft in Indien. Ein Schreiben des deutschen Tentpegging-Verbandes rettet sie – und den Säbel: Er darf im Gepäckraum mitfliegen.

Für Medaillen hat es nicht ganz gereicht, aber über Platz vier bei der Siegerehrung war Larissa Scheiwein (2. Reihe li. im Deutschland-Dress) als Newcomerin glücklich. Bild-Zoom
Für Medaillen hat es nicht ganz gereicht, aber über Platz vier bei der Siegerehrung war Larissa Scheiwein (2. Reihe li. im Deutschland-Dress) als Newcomerin glücklich.

Dennoch wird sich Scheiwein noch öfter fragen, warum sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen hat. Denn vor ihrem Flug nach Indien hat sie noch nie an einem Wettkampf teilgenommen. Und auch erst vier Wochen zuvor mit Üben begonnen. Dafür hat ihr Bekannter und Trainer Peter Kramer extra die Deutsche Tentpegging-Meisterin Jenny Horvath nach Villmar beordert. Deren wichtigste Lektion: „Wenn du vom Pferd fällst, musst du die Waffe fest in der Hand behalten. Wenn du ein Schwert fallen lassen und hineinfallen würdest, das wäre ganz schlecht.“ Weil Scheiwein laut Trainer „mutig und geschickt“ ist, und reitet, seit sie laufen kann, „hat alles im Training sehr gut geklappt“.

Doch die Überraschungen sind noch nicht vorbei: Statt der angekündigten zehn deutschen Teilnehmer mit Trainer sind plötzlich nur noch sie und eine unbekannte Düsseldorfer Teamkollegin übrig. Geflogen ist Scheiwein auch erst drei Mal. Und dann steht sie auf einmal in Indien. Sie bekommt „den Kulturschock ihres Lebens“, als sie bei der Fahrt zum Hotel die vielen auf der Straße lebenden Menschen sieht. „Da war alles voller Müll“, sagt sie. Der Verband zahlt ihr die Unterkunft, doch da mit Tentpegging kein Geld zu machen ist, müssen sich die beiden deutschen Teilnehmerinnen ein Einzelzimmer teilen. „Zum Glück haben wir uns gut verstanden“, sagt Scheiwein.

Versagensangst wächst

Und dann ist der Tag gekommen: Damit die beiden nicht nur die Zweier- sondern auch die Viererwettkämpfe bestreiten konnten, bilden sie mit Aktiven der südafrikanischen Mannschaft ein Team. Doch die Probleme gehen weiter. Die Wettkampfpferde gehören der Rasse Manari an – sie laufen 20 Stundenkilometer schneller als ein deutsches Durchschnittspferd. Scheiwein bekommt schreckliche Versagensangst. Doch weg kommt sie nicht mehr. Also schultern sie und ihre drei Teamkollegen ihre Lanze, steigen aufs Pferd und reiten in den ersten Wettkampf. „Es war unglaublich schwer, mit einer Hand bei 60 Stundenkilometern in der Formation zu bleiben und dann noch das Ziel zu treffen“, sagt Scheiwein.

Doch die vier sind gut. Immer wieder. Am Ende der Wettkämpfe sind sie Vierter. Und der Rummel geht los: Plötzlich werden die 19-Jährige und ihr Team von Menschenmassen umringt, alle wollen Selfies mit ihr machen, sie soll Autogramme geben. „Das hatte ich doch noch nie vorher gemacht“, sagt sie kopfschüttelnd. Sie schreibt und schreibt, bis Sicherheitsleute die Fans abdrängen.

Plötzlich strahlt Scheiwein „Es war eine riesengroße Erfahrung und ich werde es immer wieder tun.“ Sie habe Freunde fürs ganze Leben gefunden, im kommenden Jahr will sie mit dem Nationalteam nach Südafrika, Pakistan und Israel reisen. Und sie will Tentpegging in Deutschland populärer machen. “„Ich will andere junge Reiter dafür begeistern, einfach mal zum Training mitzukommen. Denn Tentpegger zu werden, war die beste Entscheidung meines Lebens.“

Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse