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Zoff um Social-Media-Eintrag: Polizei ermittelt wegen Facebook-Posts: Flüchtlinge an den Pranger gestellt

Was ist Meinung, was ist Wahrheit? Was ist dran an den Gerüchten, dass sich die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge, die im ehemaligen Hotel Schäfer untergebracht sind, ungebührlich gegenüber Elzern verhalten?
Symbolbild Foto: Franziska Gabbert Symbolbild
Elz. 

Es ist noch nicht lange her, da war es im Internet zu lesen: Ein Elzer Bürger postete bei Facebook, er habe auf dem Parkplatz eines Supermarktes eine Auseinandersetzung miterlebt: Ein älterer Herr sei von Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln bedrängt worden, berichtete er. Er sei dazwischen gegangen, dem älteren Herrn sei nichts Schlimmes passiert, er habe nicht einmal Anzeige erstatten wollen. Deshalb habe der Vorfall für die Jugendlichen keine Konsequenzen. Damit wollte sich der Elzer nicht zufrieden geben. Und im „sozialen Netzwerk“ waren die Schuldigen schnell gefunden: die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge, die im ehemaligen Hotel Schäfer wohnen. Irgendwann drohte jemand, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Schließlich löschte der Verursacher dieser Blase den Beitrag – mit allen Kommentaren. Und mit dieser Zeitung wollte er darüber gar nicht sprechen.

Geht es auf Facebook um die Einrichtung für minderjährige Flüchtlinge, dann ist zu lesen, dass ständig Polizei- und Krankenwagen davor stünden und dass das nur bedeuten könne, dass dort Menschen untergebracht seien, die es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen. Die NNP wollte es genau wissen und fragte bei dem Betreiber der Einrichtung und bei der Polizei nach.

32 Jugendliche

Der Internationale Bund (IB) ist Betreiber der Flüchtlingsunterkunft und betreut derzeit 32 unbegleitete Flüchtlinge im Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Christian Loew, Betriebsleiter der IB Jugend- und Kinderhilfe Limburg-Weilburg, sagt, dass es keinerlei Hinweise darauf gebe, dass Jugendliche aus der Einrichtung in den Vorfall verwickelt waren. Für ihn und das ganze Kollegium sind die Kommentare nur frustrierend, sogar erschreckend. „Unser Personal arbeitet mit großem Engagement, um den Jugendlichen eine Perspektive zu bieten. Das Miteinander ist durch Respekt geprägt.“ Und die Betreuung sei gut: Ein Pädagoge kümmere sich um zwei Jugendliche. Vormittags gehen die Jugendlichen in die Schule oder machen ein Praktikum, am Nachmittag machen die Jugendlichen ihre Hausaufgaben. In der Freizeit steht ihnen ein Fitnessraum zur Verfügung und die IB-Mitarbeiter bieten Aktivitäten an. Der Tagesablauf sei durch feste Regeln strukturiert. „Wenn die Jugendlichen die Einrichtung verlassen, müssen sie sich abmelden und Bescheid geben, wo sie hingehen“, erklärt Loew. „Die Jugendlichen werden nicht sich selbst überlassen.“ Natürlich würden sie, wie alle Jugendlichen, ihre Grenzen austesten. Aber auf alle Fälle wollten sie sich integrieren. „Das ist das große Ziel, an dem alle arbeiten.“ Und weiter: „Sie gammeln nicht hier im Ort rum, sondern sind bestrebt, eine Ausbildungsstelle zu finden.“

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Kommentar: Beängstigend

Wenn es im Internet steht, dann muss es stimmen. Taucht in der Timeline eine bestürzende Nachricht auf, die die eigene Meinung widerspiegelt oder eigene Ängste bestätigt, dann wird sie kommentiert, geteilt und geliked.

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Und dabei werden die Jugendlichen so lange wie möglich begleitet: Selbst wenn die Jugendlichen in eine eigene Wohnung ziehen, werden sie stundenweise betreut. Dabei gehe es oft um alltägliche Dinge, wie das Einkaufen, sagt Loew. Wer wissen will, wie es in der Einrichtung läuft, könne ihn jederzeit ansprechen, sagte Loew.

Ständig Krankenwagen?

Nach dem Beitrag auf Facebook hätten er und seine Kollegen mit den Jugendlichen gesprochen, aber es habe keine Anzeichen gegeben, dass diese in den Vorfall involviert waren.“ Auf Facebook entstehe ein völlig falsches Bild, sagt Loew. Und wenn Krankenwagen oder die Polizei vor dem Haus stehen, sei das auch kein Zeichen für Kriminalität. „Die Jugendlichen haben auf ihrer Flucht Dinge erlebt, die wir uns nicht vorstellen können“, sagt Loew. Wenn es ihnen sehr schlecht gehe, wird der Krankenwagen geholt, um sie in die Jugendpsychiatrie zu bringen. Die Polizei fahre sie dorthin. „Wir widersprechen der Aussage, dass ständig die Polizei oder der Krankenwagen vor der Tür steht!“

Eine übermäßige Präsenz der Polizei vor der Einrichtung sei nicht gegeben, sagt Polizeioberkommissarin Claudia Schäfer-Simrock, Pressesprecherin der Polizei Limburg-Weilburg. Natürlich passiere auch mal was. „Die Polizei erhielt eine Handvoll Anzeigen, aber die waren strafrechtlich nicht relevant.“ Die Polizei habe den Verfasser der Facebook-Nachricht zu einer Anhörung vorgeladen, schließlich habe er ja angeblich eine Straftat beobachtet. Die Polizei habe die entsprechenden Facebook-Kommentare gesichert und werde diese nach der Anhörung an die Staatsanwaltschaft weitergeben. Sie werde auch prüfen, ob dort strafrechtlich relevante Aussagen gemacht worden sind.

Wer wissen will, wie es in der Einrichtung läuft, könne ihn jederzeit gerne ansprechen, sagte Christian Loew. Und findet Unterstützung beim Bürgermeister. Er jedenfalls wisse nichts von kritischen Vorfällen, sagt Bürgermeister Horst Kaiser. Zivilcourage sei wichtig, aber mit den Anschuldigungen sollte jeder vorsichtig sein. Er warnte davor, falsche Unterstellungen und Vorverurteilungen auszusprechen und damit falsche Leute zu beschuldigen.

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