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Kneipensterben: Schaumburger Hof: Das letzte Bier ist gezapft

Von Jede vierte Kneipe in Deutschland hat seit 2001 geschlossen, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Auch vor dem Nassauer Land macht der Trend nicht halt: Die Gastwirte des alteingesessenen Schaumburger Hofs haben ebenfalls aufgegeben.
Für sie war die Gastwirtschaft der Lebensinhalt: Alwin Hastrich mit seiner Mutter Maria und seiner Frau Hiltrud. Ende Februar mussten sie schweren Herzens schließen. Foto: abv Für sie war die Gastwirtschaft der Lebensinhalt: Alwin Hastrich mit seiner Mutter Maria und seiner Frau Hiltrud. Ende Februar mussten sie schweren Herzens schließen.
Diez. 

Bier gibt es im Schaumburger Hof schon seit einigen Wochen nicht mehr. Der Zapfhahn wurde abmontiert, die Schnaps- und Weinflaschen weggeräumt. Die Kochtöpfe in der Küche sind leer. Der Schaumburger Hof, eine der ältesten Gaststätten in der Stadt, hat geschlossen. Nach 104 Jahren. „Wir haben akzeptiert, dass es vorbei ist“, sagt der Wirt Alwin Hastrich. Er ist der Urenkel von Adolf Hief, dem Gründer des Lokals am Ernst-Scheuern-Platz, schräg gegenüber der Herz-Jesu-Kirche. Die Zeiten haben sich geändert, sagt Hastrich. Klar sei das traurig. Aber er ist Realist und stellt fest: „Die Kneipenkultur von früher gibt es nicht mehr.“ Und das ist kein Diezer Phänomen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat seit 2001 jede vierte Kneipe in Deutschland dicht gemacht. Alwin Hastrich hat seinen Schaumburger Hof am 28. Februar endgültig zugesperrt.

Nassauische Brauerei

Leicht gefallen ist ihm das nicht. Schließlich ist er in dem großen Haus mit den zwei Wirtsstuben und 15 Fremdenzimmern aufgewachsen. Bereits als kleiner Junge habe er seinem Vater beim Vorbereiten und Aufräumen geholfen, erzählt der heute 67-Jährige. 1959 hatte der Vater den Betrieb von Hastrichs Großvater übernommen. Damals wurde noch Bier von der Nassauischen Brauerei aus Hahnstätten ausgeschenkt, anfangs aus Fässern und im Laufe der Jahre immer häufiger aus Flaschen.

Die Speisekarte war abwechslungsreich. Der Uropa sei eine Zeitlang als Schiffskoch um die Welt gefahren, und als er wieder Land unter den Füßen gewonnen hatte, reichten seine Ideen und Inspirationen für eine lange Liste von Gerichten. Die kulinarischen Variationen bestimmten auch in den nachfolgenden Generationen das Angebot. Auch die Mutter war eine exzellente Köchin, betont Alwin Hastrich. Genau genommen sei sie das immer noch. Nur ist die alte Dame mittlerweile 81 Jahre alt. Maria Hastrich ist rüstig, hat bis zuletzt Essen für die Gäste zubereitet und überall mit angepackt, wo Hilfe nötig war. Dennoch: Die täglichen Aufgaben fallen ihr allmählich schwer.

„Wir werden natürlich auch nicht jünger“, sagt Alwin Hastrichs Frau Hiltrud. In den vergangenen Jahren sind immer mal wieder die Töchter und der Schwiegersohn eingesprungen, wenn besonders viel Betrieb war. „Alles ist hier gefeiert worden“, erzählt Hiltrud. Die schönsten und die traurigsten Ereignisse des Lebens wurden hier begangen, mal in großen Runden, mal nur mit einer Handvoll Beteiligter. Die Wirtsleute waren immer dabei, haben zugehört, getröstet, gelacht – und die Gäste versorgt. Ein sicheres Einkommen habe man nie gehabt, sagt Hastrich. „Aber für uns war es genug.“

Passendes Lebensmodell

Er und seine Frau waren Gastwirte aus Leidenschaft. Für sie hat dieses Lebensmodell gepasst. Aber von den Kindern könne man eben nicht verlangen, dass sie weitermachen. Sie haben ihre eigenen Wege eingeschlagen. Dass die Familientradition damit enden würde, war klar. Zumal auch die Gäste älter und alt werden. Ein Mann etwa, der seit 50 Jahren kommt, weil er früher regelmäßig in der Nähe zu tun hatte, wird eines Tages nicht mehr reisen können. Andere Gäste, für die der Schaumburger Hof nicht nur die Stammkneipe, sondern die zweite Heimat geworden war, werden über kurz oder lang ebenfalls wegbleiben.

Der 70er-Jahre-Charme der Gaststuben, holzgetäfelte Decken, braune, grob gewebte Vorhänge, dicke Butzenglasscheiben, wird neue Gäste nicht mehr erreichen. Das gemütliche Feierabendbier am Thresen gibt es nicht mehr. Das vor rund zehn Jahren eingeführte Rauchverbot hat die Kneipenluft zusätzlich dünner werden lassen. Überall sehe er Schilder in ehemals etablierten Lokalen und Gasthäusern hängen, die deren Schließung ankündigen, sagt der Wirt vom Schaumburger Hof. Zur Pausenrast trifft man sich heute im To-Go-Modus beim Schnellimbiss. „Schade, aber so ist es“, sagt er. „Wir können die Zeit nicht aufhalten.“ Und auch nicht zurückdrehen. Deshalb hat er begonnen, das Inventar der Vergangenheit zu verkaufen. Tische, Stühle, Möbel aus den Fremdenzimmern, Gläser und Geschirr. Einen kleinen Vorrat hat er sich behalten. Für Familienfeiern, sagt der 67-Jährige. Damit man auch künftig von eigenen Tellern essen kann. Nur das selbst gezapfte Bier, das wird es nicht mehr geben.

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