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Gespräch mit Ute Theis, die sich für die Flüchtlingshilfe engagiert: Sie geben Engagement ein Gesicht

„Wutbürger“ stellen sich gerne so dar, als würden sie von der Gesellschaft benachteiligt. Sich in demokratische Strukturen einbringen und selbst etwas leisten, das wollen sie selten. Es geht auch anders. Die Serie „Sie setzen sich ein“ der NNP zeigt Menschen, die sich engagieren. Sie sind alles andere als laut, aber effektiv. NNP-Redakteurin Petra Hackert sprach mit Ute Theis, die in Niederselters in der Flüchtlingshilfe arbeitet.
Ute Theis hilft in Niederselters. Foto: Petra Hackert Ute Theis hilft in Niederselters.

Frau Theis, wie sind Sie dazu gekommen, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren?

Eigentlich über die Jugendarbeit. Wir haben bis zum Jahr 2000 in Flörsheim gewohnt und uns dort engagiert. Dadurch sind wir schon Anfang der 90er Jahre zur Flüchtlingsarbeit gekommen. Das waren Bosnier, Afghanen, Eritreer, und wir haben versucht, die Jugendlichen zu integrieren.

Lief das so, wie Sie es erwartet hatten?

Ich glaube nicht, dass wir Erwartungen daran geknüpft hatten. Es war für uns eine sehr, sehr positive Erfahrung. Wir hatten den Bezug zu den Familien, und irgendwann haben wir das Dachgeschoss in unserem Haus an eine bosnische Familie vermietet.

Das ist ja jetzt wieder so mit Souzan Kikhia – sie kommt aus Aleppo und wohnt mit ihren beiden Söhnen bei Ihnen. Wie ist das Zusammenleben?

Wir haben eine Wohnung im Anbau an Souzan mit ihren Söhnen vermietet und machen einige Aktivitäten gemeinsam.

Was hat Sie am Anfang in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit überrascht?

Wie offen alle sind, und auch die Erfahrungen mit Männern. Die Woche über waren wir ja nur Frauen, auch mittwochs im Begeg-
nungscafé am Brunnen. Das Miteinander ist überhaupt kein Problem: Wir haben hier zum Beispiel einen jungen Mann, einen Studenten, er ist Syrer. Wie das so ist, man hält ihm zur Begrüßung die Hand hin, aber er gab keiner Frau die Hand. Er legte den Arm aufs Herz und wünschte einen guten Tag. Als wir uns dann kannten, haben wir gefragt: ,Was soll das?‘ Er sagte, das sei so seine Kultur. Dann hat er einen Ein-Euro-Job in der Schule in Niederselters begonnen und auch uns Frauen irgendwann die Hand gegeben. Ihm ist innerhalb dieser Zeit klar geworden, dass es auch anders geht.

Das heißt, er versteht, dass es im Umgang mit deutschen Frauen für diese verletzend sei könnte, die Hand auszuschlagen?

Vielleicht. Vielleicht reagieren die Männer aber auch älteren Frauen gegenüber anders. Sie sind alle sehr hilfsbereit, zuvorkommend, auch beim Begegnungscafé. Sie lassen sich nicht bedienen. Da nimmt auch jeder die Kaffeetasse in die Hand und hilft. Oder wenn ich in die Küche gehe, kommt schon gleich einer hinterher und fragt, ,Kann ich helfen?‘ Mangelnden Respekt vor Frauen in irgendeiner Form haben wir nicht erlebt.

Welche Nationalitäten kommen da im Moment zusammen?

Wir haben hier drei afghanische Familien, sonst sind es alles Syrer.

Wie überwinden Sie die Sprachprobleme?

Sie haben alle sehr schnell Deutsch gelernt. Von Anfang an gab es da keine Probleme. Bei den Syrern war immer einer, der englisch konnte, das hat gut geklappt. Bei den afghanischen Familien wird es jetzt sprachlich besser, da eine Familie 16-, 17-jährige Töchter hat, die durch die Schule gut deutsch sprechen. Das war anfangs tatsächlich schwieriger, denn da gibt’s auch keine Dolmetscher.

Welche Unterstützung leisten Sie konkret?

Mittwochsnachmittags steht das Brunnencafé als Begegnungscafé offen. Dahin kommen die meisten mit ihrer Post. Unsere Bürokratie ist ja haarsträubend. Dort wird geholfen oder delegiert. Ansonsten begleiten mein Mann und ich zum Beispiel Souzan mit ihren beiden Jungs, mein Mann lernt mit einem der beiden intensiv. Eine weitere Familie mit drei Kindern unterstütze ich persönlich. Das Neugeborene ist Ende August zur Welt gekommen, die anderen beiden sind neun und zehn Jahre alt. Die Kinder sind auch unter der Woche richtig ins Familienleben integriert. Die Familie lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft mit fünf Personen in einem Zimmer, sie teilen sich eine gemeinsame Küche mit 20 Personen.

Was sind die Hauptschwierigkeiten, die Hilfesuchende immer wieder haben?

Die Ämter. Die Mitarbeiter sind alle sehr nett und zuvorkommend, aber es gibt auch viele Doppelungen mit den vielen Fragebögen für die verschiedenen Ämter, die man selbst erst einmal verstehen muss. Konkret würden wir uns als Ehrenamtliche einen besseren Kontakt zu unserer Sozialarbeiterin vor Ort wünschen.

Gibt es Ängste/Anfeindungen aus der Bevölkerung?

Ängste weiß ich nicht, das ist für mich nicht ersichtlich. Anfeindungen? Nein!

Wie groß ist Ihr Helferteam?

Aktive Helfer gibt es zurzeit etwa 15. Wir haben eine sehr gut aufgestellte Hausaufgabenhilfe für die Schulkinder. Dann unterstützen wir bei der Bürokratie. Da können wir auch Arbeiten delegieren. Es gibt immer noch weitere Helfer, die etwas mit den Bewohnern erledigen. Ich bin in der Steuerungsgruppe des Willkommenskreises in Niederselters und halte den Kontakt zur Schule, zwischen Hausaufgabenhilfe und Schule, zu den Lehrern. Ich habe vier Schwangere mit Hebamme begleitet, bis die Kinder geboren waren. Wir treffen uns auch jetzt noch im Brunnencafé gemeinsam mit den vier Babys. Das erste ist im Juni geboren, das letzte Ende November.

Sie wohnen alle in Selters?

Ja, das war jetzt alles in Niederselters.

Das Ganze ist viel Arbeit – was gibt es Ihnen?

Zufriedenheit. Ich kann meine Freizeit sinnvoll gestalten.

Und viele Kontakte?

Und wie! Das sind die Sachen, die einfach Spaß machen. Überall die Ohren offen haben und vermitteln können. Es kommt einfach sehr viel zurück von den Bewohnern. Wir hatten jetzt gerade vor Weihnachten eine Weihnachtsfeier, am 22. Dezember. Dafür hatten wir vier Wochen ,Oh Tannenbaum‘ geübt, wir hatten ein Büffett vorbereitet. Das ist dann so: Jeder bringt etwas mit für alle. Da bricht dann der Tisch, wenn sie alle kochen, backen, helfen. Das tut gut.

Sieben Nationen

Im Gesamtgebiet der Gemeinde Selters wohnen 93 Personen aus sieben Nationen in fünf Gemeinschaftsunterkünften. Sie stammen aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan, Äthiopien und Serbien.

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Ute Theis

Ute Theis (67) hat sich schon in den 90er Jahren in Flörsheim in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Im Jahr 2000 zog die Familie nach Niederselters.

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Der Niederselterser Helferkreis

Seit Sommer 2015 begleiten ehrenamtliche Helfer in Niederselters Flüchtlinge in ihrem Alltag. Einiges hat sich in dieser Zeit bewegt und verändert.

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