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Geschichts- und Kulturverein Ellar: Von Lebkuchen, Schnaps und Liebeslinien

Von „Es ist ein Brauch von alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör“, ließ Wilhelm Busch vor knapp 200 Jahren seine „Fromme Helene“ sagen. Dass das allenfalls die halbe Wahrheit ist, beweisen die Freunde vom Geschichts- und Kulturverein Ellar jedes Jahr aufs Neue. Brockseln heißt bei ihnen das Brauen, Trinken und vor allem sorgenfreie Genießen von Hochprozentigem.
Das sind die Brocksel-Zutaten: Lebkuchen, Zucker und Schnaps. Foto: abv Das sind die Brocksel-Zutaten: Lebkuchen, Zucker und Schnaps.
Ellar. 

Kompliziert ist das Rezept nicht: Man nehme in kleine Würfel geschnittenen, möglichst trockenen Lebkuchen, außerdem Zucker, Wasser und einen sehr kräftigen Schluck hochprozentigen Schnaps. Der Zucker wird in die Flüssigkeit gerührt, wobei das Verhältnis von Wasser und Alkohol von der Laune des Mundschenks abhängt. Anschließend wird das Gebräu über die Lebkuchen-Brocken gegossen. Mindestens eine Nacht muss das Getränk ruhen, ehe diese Brocksel- also Bröckchen-Bowle genossen werden kann. Die Wirkung des Hochprozenters ist anregend – mindestens zwei Stunden lang. So lange dauert die Brockselei im Ludwig-Bös-Haus, während der ein Panorama aus alten Ellarer Zeiten aufgespannt wird.

Ein Urgestein erzählt

Zuständig für die Brocksel-Anekdote zum Jahresauftakt ist Eduard Jost, ein Urgestein der Waldbrunn-Gemeinde, der vom Kopfende des Tisches für Unterhaltung sorgen wird. Der 79-Jährige blickt auf sehr viele Brocksel-Begegnungen zurück. Zum Beispiel auf die in den 1930er und -40er Jahren, als er als kleiner Bub bei der Kartoffelernte, beim Kappeshobeln und beim Quetsche-Krautkochen dabei war. Vom Quetschekraut und der vielfachen Verwendung sämtlicher Bestandteile wird er den Damen und Herren berichten, sobald der erste Schluck Lebkuchen-Schnaps seine anregende Wirkung entfaltet hat.

Quetschen sind Pflaumen, sagt Jost zur Einleitung. Das sei natürlich keine Nachricht, müsse aber erwähnt werden, weil erstens der Reporter, ein Brocksel-Neuling, möglicherweise nicht dialektfest ist. Und weil zweitens die Pflaumenkerne genauso wichtig für seine Geschichte sind wie die Birnenschalen, die vor dem Kochen von Birnenkraut abgeschält wurden.

Tatsächlich handelt seine Anekdote von Pflaumenkernen und Birnenschalen, und jetzt wird es wirklich interessant. Denn diese Kerne und Schalen reicherte die Dorfjugend mit Sägespänen an, streute damit die legendären Liebespfade.

Bei Nacht und Nebel

Diese Kern-Schalen-Spuren verbanden Häuser von jungen Damen und Herren, die sich verbandeln wollten – und schließlich vielleicht auch mussten, weil immerhin ganz Ellar über diese Liäson Bescheid wusste. Das lief folgendermaßen: Abends, nach zehn Uhr, wenn es dunkel war, weil die Laternen ausgeschaltet wurden, schlichen die jungen Kerle los, um die Liebeslinien zu ziehen, erzählt Jost. Ein großer Spaß sei das gewesen. Darüber kann er noch immer lachen.

Dabei waren diese Aktionen keneswegs ganz ungefährlich, räumt Johanna Goldschalt ein. Ebenso wie Eduard Jost hat die Seniorin die allermeiste Zeit ihres Lebens in Ellar verbracht. Auf dem glitschigen Kerne-Schalen-Sägespäne-Gemisch hätte man ohne weiteres ausgleiten und sich verletzten können. „Umgekommen ist aber niemand“, erwidert Jost. An dramatische Zwischenfälle würde er sich erinnern, stellt der ältere Herr fest, der in der gegenwärtigen Brocksel-Stube bereits als Schuljunge gesessen hat. Man befindet sich Jost zufolge im Ludwig-Bös-Haus, dem ehemaligen Schulgebäude, das nach seinem langjährigen Lehrer benannt wurde. Von diesem Pädagogen zieht eine andere Brocksel-Dame prompt eine alte Fotografie aus der Tasche. In vorbildlich aufrechter Haltung steht der strenge Lehrer da neben den Kindern.

„Das war doch der . . .“

Die Aufnahme dürfte um die 80 Jahre alt sein, meinen die Betrachter. Was aus den meisten der Kleinen geworden ist, wissen die Brocksler. Der eine etwa, links hinten, der muss der Cousin des Nachbarn, die andere im Vordergrund die Tante des Mannes einer „Beigefreiten“, einer eingeheirateten Frau, sein.

Im Unbekannten verschwindet niemand. Auch nicht auf den Bildern, die Evamaria Gubisch-Heun betrachtet. Ein Schwager könnte es sein, der hier auf dem Foto an einem Feuerwehrumzug teilnimmt. An der Seite sei ein Kupferdach zu erkennen, das es längst nicht mehr gibt. Im Hintergrund blitzt das Autodach eines DKW auf.

Weiter geht die Brocksel-Runde. Die jährliche Anekdote ist erzählt und verdaut, Fotos werden im Rund herumgereicht und die kleinen Gläschen erneut gefüllt. Höchste Zeit für eine weitere Zutat zu diesem geselligen Erinnerungs-Nachmittag: Musik aus dem Grammophon, das Ralf Gröger geduldig dreht. Eine Serenade quietscht durch den Raum. Schön, sagt Gertrud Schmittel. Für einen Tanztee reichen die Klänge nicht. Macht aber nichts. Die Brocksel-Stimmung ist prächtig.

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