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Landwirt aus Leidenschaft: Von der Rinderzucht kann er gut leben

Von Sieben Tage in der Woche, schuften rund um die Uhr – und das am Existenzminimum. Solche Vorstellungen über Landwirte sind weit verbreitet, sie treffen aber nicht unbedingt zu, zumindest nicht auf Rinderzüchter Rainer Schermuly aus Niederbrechen.
Landwirt Rainer Schermuly aus Niederbrechen mit zwei seiner Holsteiner-Kühe, von denen insgesamt 50 in seinem Stall stehen. Landwirt Rainer Schermuly aus Niederbrechen mit zwei seiner Holsteiner-Kühe, von denen insgesamt 50 in seinem Stall stehen.
Niederbrechen. 

Landwirte als Dauerarbeiter mit Niedrigeinkommen. Das muss nicht sein. Rainer Schermuly aus Niederbrechen sagt, dass er mit seiner Frau Claudia gut von seinen Einnahmen als Rinderzüchter und Milchproduzent leben kann. „Ich fühle mich durch meinen Beruf auch nicht in meiner Lebensqualität eingeschränkt“, berichtet der 54-Jährige. Er könne zwar keine zwei Wochen am Stück in Urlaub fahren, doch das wolle er auch gar nicht. „Ein verlängertes Wochenende reicht mir“, sagt er.

Wenn er mal nicht daheim ist, übernimmt Kathrin, seine mittlere von drei erwachsenen Töchtern, den Hof. Sie studiert Landwirtschaft in Gießen und möchte den Familienbetrieb später einmal übernehmen. Da ihr Freund ebenfalls Landwirtschaft studiert, sollte das an ihm nicht scheitern.

Rainer Schermuly weiß aber, dass Landwirt sein und Privatleben einander nicht ausschließen. Während des Sommers sieht er zu, sich zum Beispiel den Sonntag möglichst von der Arbeit frei zu halten. Im Winter hat er sogar meistens den Samstag und Sonntag frei. Dann kann er mit seinen Freunden mal zu einem Heimspiel seiner geliebten Frankfurter Eintracht fahren oder nach Wetzlar, wo die Töchter Julia und Kathrin bei Hessen Wetzlar in der 2. Bundesliga Fußball spielen.

Familientradition

Als Landwirt hat er zudem die Freiheit, nachmittags mal Pause zu machen. Allerdings muss er dann die Büro- oder Feldarbeit zu anderer Stunde nachholen. Und wenn Freunde bei ihm sind und er zwischendurch mal das Vieh füttern oder melken muss, müssen sie sich eben eine Zeit lang alleine beschäftigen, bis er wieder aus dem Stall zurück im Wohnhaus nebenan ist.

Schermuly ist Landwirt geworden, um seine Freiheit als Selbstständiger zu haben. Er ist auch kein anderes Leben gewohnt, da schon sein aus Villmar stammender Großvater Willi und dessen Frau Rosa, geborene Königstein, eine Landwirtschaft in der Limburger Straße in Niederbrechen betrieben haben, die sein Vater Willibald dann übernahm. Natürlich freute sich der Vater, als der Sohn mit der Landwirtschaft weitermachen wollte. Gedrängt hat er Rainer Schermuly aber nicht. „Ich mache es, weil es mir selbst Spaß macht“, sagt er. Und auch er würde sich freuen, wenn seine Tochter weitermacht, wäre aber auch nicht böse, wenn sie ihre Pläne irgendwann noch ändern würde. „Es ist ja alles abbezahlt. Da herrscht bei uns jetzt kein wirtschaftlicher Druck, weitermachen zu müssen“, so Schermuly.

Eine Million Euro investiert

Weil die Verhältnisse in der Limburger Straße mitten im Ort beengt waren und direkt an der B 8 die Lebensqualität auch nicht überragend war, hat sich Rainer Schermuly zum Aussiedeln entschlossen. Das war 1996. Eine Million Euro hat er nach eigenen Angaben für den Umzug investiert, der auch den Vorteil hatte, dass der Stall für die Kühe größer und artgerechter wurde und das Melken bequemer. Im Dorf hielt die Familie 25 Kühe plus Nachzucht, im neuen Aussiedlerhof aktuell 50 Kühe und genauso viele Nachzuchten. „Ich kann heute die doppelte Zahl an Kühen in derselben Zeit wie mein Vater früher melken“, sagt Rainer Schermuly.

An einem normalen Tag steht er um 6.15 Uhr auf und bereitet um 7 Uhr im Stall das Melken vor. Um 9 Uhr ist der Landwirt dann fertig und kann ins Haus frühstücken gehen. Anschließend werden die Kühe gefüttert, einmal am Tag.

Im Sommer geht Schermuly tagsüber aufs Feld. Von seinen 140 Hektar Land nutzt er 50 Hektar, um Viehfutter (Mais und Grünland) anzubauen. Auf 90 Hektar baut er für den Verkauf Getreide, Raps und Kartoffeln an. Im Winter ist es für Schermuly eher ruhiger. Dann muss er noch ein zweites Mal gegen 17.15 Uhr in den Stall melken und kann um 19.15 Uhr Feierabend machen. Seine Frau hilft ihm. „Wir wollen nicht mehr arbeiten, denn das kann nicht das einzige Ziel des Lebens sein“, sagt er.

Keine Erweiterung geplant

Schermuly sagt, dass er den Hof nicht erweitern will, weil es ihm nur mehr Arbeit, nicht aber mehr Gewinn bringen würde. „Dann müsste ich Mitarbeiter einstellen und bräuchte 50 weitere Kühe, um eine Fachkraft zu bezahlen“, sagt er. Verdient hätte er damit aber keinen einzigen Cent mehr, sondern hätte das Problem, die Ställe vergrößern zu müssen. Mit dem aktuellen Viehbestand kann Schermuly bis zu 40 000 Kilo Milch im Monat produzieren. Mit den aktuell 40 Cent pro Liter, die er einnehme, könne er gut leben, betont er. Wer mit 40 Cent nicht auskomme, komme auch mit 50 Cent nicht aus, sagt er. Dann könne bei dem einen oder anderen Kollegen etwas auf der Ausgabenseite nicht stimmen.

Schermuly züchtet Holsteiner Kühe, die die höchste Milchleistung aller Rassen garantieren. Sein Vieh läuft frei in einem 45 Meter mal 27 Meter großen Stall, im Sommer auch auf der Weide. Die Kühe werden künstlich besamt und sollen im Schnitt drei Kälber gebären. Die meisten Tiere werden bei ihm fünf Jahre alt, bis sie nicht mehr genug Milch geben und beim Schlachter landen. Von der Zahl der Abgänge hängt auch ab, wie viel eigene Nachzuchten er im Jahr behält. Bullenkälber werden sofort weiterverkauft, weibliche Rinder behält Schermuly, bis sie einmal abgekalbt haben. Für eine solche Färse bekommt er je nach Milchleistung 1000 bis 2000 Euro. Verkauft er ein erwachsenes Tier an den Schlachter, kann er aktuell mit Einnahmen von 500 bis 1000 Euro je nach Gewicht pro Tier rechnen.

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