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Hohenfeld-Klinik Bad Camberg: Walter Mulitze zeigt Patienten, wie viel Freude das Theaterspielen macht

Er ist Werbefachmann, Schauspieler, Regisseur und noch viel mehr: ein begnadeter Sprecher und manchmal auch Therapeut. Walter Mulitze vermittelt seit mehr als 20 Jahren Patienten den „Spaß am Theaterspielen“.
Hier bereitet er sich auf seine Arbeit in der Hohenfeld-Klinik vor: Im Cafe Stern in Bad Camberg stimmt sich Walter Mulitze auf seine Sprech- und Atemübungen ein. Foto: Rauch, Sabine Hier bereitet er sich auf seine Arbeit in der Hohenfeld-Klinik vor: Im Cafe Stern in Bad Camberg stimmt sich Walter Mulitze auf seine Sprech- und Atemübungen ein.
Bad Camberg. 

Seine Nachfolgerin arbeitet er schon ein. Schließlich ist Walter Mulitze 84 Jahre alt und Realist. Und er liebt seine Patienten und weiß, wie wichtig die Arbeit mit ihnen ist. Dass die Nachfolge geregelt ist, heißt aber noch lange nicht, dass er seine Leseabende oder den „Spaß am Theaterspielen“ jetzt einstellt und die Tage lieber zu Hause auf dem Sofa verbringt. „Ich werde doch noch gebraucht. Ich mache das, bis ich den Löffel abgebe.“

Seit mehr als 20 Jahren lädt Walter Mulitze die Patienten der Hohenfeld-Klinik Bad Camberg ein, den Spaß am Theaterspielen und an der Sprache zu entdecken. Wann er genau damit begann, weiß er nicht mehr, das ist auch gar nicht wichtig. Wichtig ist, dass er seitdem eigentlich jeden Mittwochabend in der Klinik steht, um den Patienten das richtige Atmen, Sprechen und die Freude am Spiel zu zeigen. Als Walter Mulitze vor ein paar Jahren eine neue Hüfte bekam, hat er dafür gesorgt, dass er seine Reha in Bad Camberg machen kann. So konnte er am nächsten Tag mit seinen Stützen vor den Patienten stehen. „Das ist alles Einstellungssache“, sagt Walter Mulitze und lacht.

Und das will er den Patienten vermitteln. Wenn sie am Ende ihrer Reha schwärmen, dass die Theaterabende die beste Therapie gewesen seien, freut ihn das natürlich. Seine Antwort fällt aber so aus: „Ich bin kein Therapeut. Ich mache hier nur Theater mit Ihnen.“

Mit allem, was dazugehört: mit Atemtechnik, Stimmübungen und Sprechtechnik. Und sogar mit Zertifikat. Die Abende mit Walter Mulitze werden als Weiterbildung anerkannt, schließlich hat er gelernt, was er den Patienten vermittelt.

Seine Tante Martha hatte ihm einst ein Buch mit Gedichten geschenkt, damals, in Breslau. „Sie hat ein Samenkorn gelegt“, sagt Walter Mulitze. Später wollte er Regie studieren, aber davon haben ihm die Ärzte und seine Eltern wegen einer Augenerkrankung abgeraten. Also wurde er Großhandelskaufmann in einem Versandhaus in Bremen. Aber er nahm Rhetorikunterricht und Schauspielunterricht. 1969 wechselte er zur Hoechst AG und machte Karriere als Werbefachmann, hat bei der IHK als Prüfer für Werbekaufleute gearbeitet und als Ausbilder bei der Hoechst AG. Und er hat Theater gespielt und nebenbei Theaterregie studiert – als einer der wenigen Schüler von Hans Hollmann in Frankfurt.

Festspielverein

Was er gelernt hatte, konnten in Bad Camberg zunächst die Mitglieder der Eintracht Erbach sehen und hören. Ende der 1980er Jahre begann er, kleine Komödien für die Familienabende des Chores zu inszenieren. „Damals war es noch etwas Besonderes, dass man jemand was anderes macht als das Schenkelklopfer-Volkstheater.“ Dann fragte der Bad Camberger Festpielverein an, ob er nicht die Regie übernehmen wollte. Walter Mulitze stellte eine Bedingung: Er wollte seinen Schauspielern richtigen Schauspielunterricht geben. Erhat auf der Amthofbühne mit großem Erfolg unter anderem das Heimatstück „Ich, Friedrich von Hattstein“, den „Sommernachtstraum“ und „Das Haus in Montevideo“ inszeniert, und er hat nebenbei sein „Schauspielstudio Walter Mulitze“ geführt, „weil ich auch im Winter etwas anbieten wollte“, Stücke von Anton Cechov oder Kurt Goetz zum Beispiel. In der ganzen Region ist Walter Mulitze mit seiner Truppe zu sehen gewesen. Nach sechs Spielzeiten, im Jahr 2000, war Schluss mit der Regiearbeit für die Amthof-Festspiele, weil er das Stück des Vereinsvorsitzenden nicht inszenieren wollte. Sechs Jahre später gab er sein Schauspielstudio auf. Es war schwer, geeigneten Nachwuchs zu finden, vor allem Männer waren Mangelware. Und Walter Mulitze wollte kürzer treten – weil nicht nur seine Hüfte, sondern auch sein Herz Probleme machte.

Er konzentrierte sich auf seine Arbeit in der Hohenfeld-Klinik. Er ging mit den Patienten wandern, vermittelte ihnen die Grundlagen des Theaterspielens und alle, die weder das Eine noch das Andere konnten, lud er zum „Lustigen Literatur- und Leseabend“.

Wandern geht Walter Mulitze nicht mehr. Aber die sonntäglichen Vorlesestunden gibt es noch immer: Manchmal kommt nur ein Patient, manchmal reichen die Stühle nicht aus. Manchmal muss Walter Mulitze alleine vorlesen, manchmal kommen Männer und Frauen, die selbst lesen können und wollen.

Und natürlich gibt es noch die Theaterabende am Mittwoch: Genau das Richtige für Lehrer, Therapeuten und alle anderen, die manchmal vor fremden Menschen sprechen. Und genau das Richtige für alle, die Freude an humorvollen Szenen haben. Damit es Spaß macht, schreibt Walter Mulitze Geschichten von Kurt Tucholsky um oder stellt Szenen von Loriot zusammen. „Ich muss ja die Menschen zum Sprechen kriegen.“

Die beste Werbung für die „Spaß-am-Theater-Abende“ hat Walter Mulitze selbst gemacht. Als er noch die Aufgabe hatte, die neuen Patienten in der Klinik zu begrüßen – und sich einige wunderten, wie gut und volltönend er das macht: ganz ohne Mikrofon und Manuskript. Wie das funktioniert, will er den Patienten beibringen. Deshalb müssen sich alle Teilnehmer erst einmal im Kreis aufstellen und tief einatmen. Die meisten merken dann, dass das nur geht, wenn sie vorher richtig ausgeatmet haben. „Dann erkläre ich erst einmal, warum es gut und nützlich ist, ordentlich auszuatmen.“ Danach geht es um die Vokale und die passende Stimmlage. Schließlich gibt es Sprechübungen. „Mir geht es ums Bewusstmachen der Sprache.“

Und ums Selbstbewusstsein des Sprechers: „Haben Sie den Mut, die Zähne zu zeigen“, sagt Walter Mulitze. Das sei für eine deutliche Artikulation unerlässlich. Und: „Das Selbstbewusstsein wächst mit einer deutlichen Aussprache.“ Davon könnten doch alle Menschen profitieren. Schließlich macht auch einfach mehr Freude, jemandem zuzuhören, der sprechen kann.

Cechov-Geschichten

Dass Walter Mulitze sprechen kann, können nicht nur seine Patienten hören. Vor ein paar Jahren hat er eine CD mit Cechov-Geschichten aufgenommen. Und vielleicht gibt es bald noch eine. Denn eine Geschichte sei er schuldig geblieben, sagt Walter Mulitze: „Der böse Knabe“. Der Text ist bereits aufgenommen, auf der CD „Ein bekannter Herr“ war aber kein Platz mehr. Wenn es nicht so schwierig wäre, einen Termin im Tonstudio zu finden, würde er gerne noch eine CD herausbringen, sagt Walter Mulitze. Schon alleine, um die wunderbare Cechov-Übersetzung von Vladimir Cumikov für die Nachwelt zu erhalten. Und natürlich auch die sonore Stimme von Walter Mulitze.

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