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Online-Lexikon: Warum Lehrer Wikipedia nicht mögen

Kennen Sie Jimmy Wales? Wahrscheinlich nicht. Aber Sie kennen bestimmt das Online-Lexikon Wikipedia, das Wales 2001 mit gegründet hat. Am morgigen Sonntag feiert der Internet-Unternehmer seinen 50. Geburtstag. NNP-Redakteur Stefan Dickmann sprach mit dem Marienschullehrer Dirk Fredl über den Umgang von Lehrern und Schülern mit der Online-Enzyklopädie.
Der stellvertretende Leiter der Marienschule, Dirk Fredl, in seinem Büro. Auch die Marienschule hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Foto: Dickmann Stefan Der stellvertretende Leiter der Marienschule, Dirk Fredl, in seinem Büro. Auch die Marienschule hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

NNP: Herr Fredl, Sie unterrichten an der Marienschule Deutsch sowie Politik und Wirtschaft. Ist Wikipedia für Sie als Lehrer Fluch oder Segen?

DIRK FREDL: Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Wikipedia. Die Nachteile dieses Online-Lexikons stehen für mich als Lehrer schon im Vordergrund, aber verteufeln oder verdammen würde ich Wikipedia deshalb auch nicht; das wäre der falsche Weg. Wenn sie heute im Internet etwas suchen, dann stoßen sie sehr schnell auf Wikipedia-Einträge. Das ist nun mal die Realität.

NNP: Und wie stehen Ihre Lehrerkollegen zu diesem Internet-Lexikon?

FREDL: Viele sehen das genauso. Wichtig ist, wie Schüler damit umgehen. Wikipedia kann ein Einstieg in die Quellenarbeit sein. Es ist unsere Aufgabe als Lehrer, das den Schülern so beizubringen. Ein Schüler darf nicht glauben, bei Wikipedia auf alle Fragen eine scheinbar richtige Antwort zu finden. Damit kämpfen wir immer wieder. Insofern ist Wikipedia mehr Fluch als Segen. Am schönsten wäre es, wenn die Schüler für Referate, Präsentationen oder Prüfungen ganz ohne Wikipedia auskämen.

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NNP: Aus Sicht Ihrer Schüler ist Wikipedia also mehr Segen?

FREDL: Die sehen das wahrscheinlich erst mal als Segen an. Was wohl auch daran liegen mag, dass vieles dort verständlich geschrieben ist und sich einfach erschließt. Das wird aber dann zum Problem, wenn sich Schüler in ihrer Recherche nur auf Wikipedia verlassen, was leider immer wieder mal vorkommt. Das trifft auch auf ältere Schüler in der Oberstufe zu, obwohl die es eigentlich besser wissen sollten.

NNP: Welche schlechten Erfahrungen haben Sie gemacht?

FREDL: Bei Referaten habe ich schon erlebt, dass Schüler Wikipedia-Einträge wörtlich vorgelesen haben. Das merke ich zum einen schon am Stil, der nicht zum Schüler passt, und zum anderen brauche ich nur mein Smartphone zu nehmen und schau dann eben kurz auf die Seite, um zu vergleichen. Die Schüler müssen und können nicht alles wissen, aber sie sollen mit verschiedenen Quellen arbeiten, und da geben wir ihnen gern immer wieder Hinweise. Aber plagiieren, das geht gar nicht. Eine solche „Leistung“ ist dann ungenügend. Und das gilt sowohl im Unterricht als auch im Abitur. Auch hier gibt es vereinzelt Versuche, fremde Texte als eigene auszugeben. Da werden dann schon mal Erklärfilme, die beispielsweise auf Youtube laufen, als eigene Präsentation verkauft. Damit kann man natürlich keine Abiturprüfung bestehen. Was wir immer wieder feststellen, ist, dass Schüler mitunter überrascht sind, wenn wir Lehrer die nicht angegebenen Quellen im Internet schnell auffinden können.

NNP: Sprechen Sie als Lehrer das Wikipedia-Problem zu Beginn eine Schuljahrs an?

FREDL: Ich muss die Kriterien benennen, die Schüler bei Präsentationen einhalten müssen. Da muss ich definieren, welche Quellen ich akzeptiere. Für eine Oberstufen-Präsentation gilt in meinem Unterricht, dass mindestens ein Buch benutzt werden muss, im Leistungskurs müssen es mehrere Bücher sein. Natürlich sollen und dürfen die Schüler auch im Internet recherchieren, gerade wenn es um aktuelle politische Themen geht. Und da spielen natürlich die großen Medienportale eine wichtige Rolle. Aber die Schüler sollen sich auch Primärquellen suchen, zum Beispiel direkt auf die Seite der Bundesregierung oder eines Ministeriums gehen. Und wenn es um kritisches Hinterfragen geht, sollen sie sich auch anschauen, was beispielsweise die Oppositionsparteien oder Interessensverbände dazu zu sagen haben.

NNP: Gibt es ein Internet-Lexikon oder Webseiten, die Sie Ihren Schülern im Politik-Unterricht empfehlen?

FREDL: Die Bundeszentrale für politische Bildung hat zum Beispiel ein sehr gutes Lexikon. Das sollte der erste Weg für Schüler sein, um sich zu informieren und nicht Wikipedia. Die Einträge dort sind sehr gut recherchiert und neutral.

NNP: Warum sind Sie Wikipedia gegenüber als Quelle so kritisch eingestellt?

FREDL: Sie wissen in der Regel nicht, wer dort die Einträge bearbeitet und mit welcher Intention. Ich war am Anfang auch von diesem Modell sehr angetan, dass viele Menschen bei Wikipedia ihr Wissen einbringen. Aber ich habe während meiner Zeit im Kultusministerium erleben müssen, dass, gerade wenn es um politische Vorgänge und Erklärungen geht, mitunter halbstündlich Änderungen vorgenommen werden. Das ist heute zwar nicht mehr so extrem, aber Sie können nicht verhindern und immer erkennen, dass dort falsche Informationen eingetragen werden.

NNP: Welche Rolle spielt für Ihre Schüler noch der gute alte Brockhaus?

FREDL: Sagen wir mal so: Es gibt ihn noch, er steht in unserer Bibliothek. Er wird aber immer seltener von den Schülern genutzt. Das gilt auch für Kindlers Literaturlexikon. Trotz der Qualität und obwohl wir unsere Schüler im Unterricht immer wieder darauf hinweisen, schaut da kaum noch ein Schüler rein. Leider.

NNP: Auch die Marienschule ist mit einem eigenen Eintrag auf Wikipedia vertreten. Wer hat das geschrieben?

FREDL: Das haben wir ursprünglich als Schulleitung erstellt. Das ist dann im Laufe der Jahre von vielen Leuten überarbeitet und ergänzt worden. Ihr ehemaliger Mitarbeiter Volker Thies zum Beispiel hat viel zur Schulhistorie ergänzt. Wir hatten zunächst nur einen sehr kurzen Text geschrieben.

NNP: Stimmt denn der Eintrag zu Ihrer Schule wenigstens?

FREDL: Moment, da muss ich mal nachschauen. Ich überprüfe die Angaben nicht wöchentlich und gebe zu, dass ich da schon lange nicht mehr drauf geschaut habe. (Fredl setzt sich an den PC und schaut sich den Eintrag an ). Also die Kerndaten stimmen auf jeden Fall. Aber es wird Zeit, dass wir was ergänzen: Ein zusätzliches Austauschprogramm ist noch nicht berücksichtigt. Und ob das erste Schulfest wirklich 1962 stattfand, weiß ich gar nicht. Da müssten wir lange in unserem Schularchiv suchen, um das zu überprüfen. Aber wie relevant ist diese Information für die Nachwelt?

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