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„Warum müssen Synagogen von der Polizei überwacht werden?“

Seit dem Krieg zwischen der Hamas und Israel nehmen antisemitische Vorfälle in Deutschland zu. Der Chef des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, hat nun drastische Worte gefunden: Für Juden sei es die „schlimmste Zeit seit der Nazi-Ära“. NNP-Mitarbeiterin Judith Hopper-mann sprach mit Christa Pullmann von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Limburg über Antisemitismus.
Christa Pullmann. Christa Pullmann.

NNP: Auch in Deutschland ist der Israel-Gaza-Konflikt angekommen. Bei den Protesten gehen Israel-Kritik und Antisemitismus zum Teil ineinander über. Wie ist die Stimmung in der jüdischen Gemeinde in Limburg, nachdem Juden in Deutschland verbal und mit Gewalt angegriffen wurden?

CHRISTA PULLMANN: Es macht ihnen große Angst, dass das auch hier mal eskalieren könnte. Es sind vor allem ältere Leute, die schon viel durchgemacht haben. Zum Glück waren diese Auseinandersetzungen aber bislang nur in größeren Städten oder im europäischen Ausland. Generell muss mehr gegen diese Judenfeindschaft getan werden: Warum müssen Synagogen von der Polizei überwacht werden, Moscheen aber nicht? In einer demokratischen Gesellschaft sollten alle Bürger sicher leben können.

NNP: Können Sie sich erklären, warum auf den Anti-Israel-Demos auch viele judenfeindliche Parolen zu hören sind?

PULLMANN: Wenn Leute Israel denken, dann denken sie Juden. Und diese Einstellung gegenüber Juden ist in Deutschland sehr alt. Es gab schon vor dem Ersten Weltkrieg eindeutig antisemitische und anti-rassistische Erklärungen und Parteien. Gerade war eine Ur-Enkelin eines Limburger Juden hier. Dessen Sohn ist im Ersten Weltkrieg gefallen, sein Bild hing eingerahmt im Wohnzimmer der Familie. Wir haben festgestellt, dass der Name, Moritz Beringer, auf der Gedenktafel des Ersten Weltkriegs schon in den 1920er-Jahren überklebt wurde; die Namen von vier anderen jüdischen Limburgern auch. Das zeigt, dass diese Einstellung gegenüber Juden nicht erst mit dem Nationalsozialismus vom Himmel gefallen ist. Sie hat sowohl in der Kirche als auch im Geschäftsleben und in der Politik eine wirklich lange Tradition. Dem entgegenzusteuern ist Ziel und Aufgabe unserer Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg.

NNP: Wie drückt sich Antisemitismus heute aus? Sie sagen, er ist immer noch mitten in unserer Gesellschaft.

PULLMANN: Es sind entweder junge Muslime, die erzogen worden sind, ihr Leben und ihr Engagement gegen Israel einzusetzen oder Menschen, bei denen einfach die Vorurteile klicken. Viele verbinden die jüdische Bevölkerung mit Geld. Das war schon früher so. Als ich in Runkel über die Juden geforscht habe, da sagte ein Metzger zu mir: Als die Juden weg mussten, haben sich viele die Hände gerieben und gesagt: Haha, sie sind fort, wir brauchen unsere Schulden nicht zu bezahlen. Dabei waren die Juden nur gering in der Geldwirtschaft tätig. Sie waren normale Gewerbetreibende und Viehhändler. Ein weiterer Punkt ist die andere Religion, die unverständlich bleibt, und eine große Insensibilität für das Schicksal anderer. Ein deutsches Sprichwort sagt aber: Du sollst tausend Schritte mit einem gehen, ehe Du ihn beurteilen kannst.

NNP: Ich hätte gerne auch mit einem Mitglied der jüdischen Gemeinde gesprochen. Sie haben aber gesagt: Geht nicht, die wollen alle nicht. Warum?

PULLMANN: Was mir immer sehr leid tut, ist, dass die jüdische Gemeinde und auch die Schüler, die ich früher im Unterricht hatte, ihren Glauben nicht öffentlich machen wollen. Niemand soll merken, dass sie jüdisch sind. Deshalb wollen sie schon gar nicht mit Name und Foto in die Zeitung und auf der Straße erkannt werden. Die Leute haben Angst.

NNP: Haben Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Limburg denn schon einmal von Anfeindungen berichtet?

PULLMANN: Vor drei Jahren trat eine Tanzgruppe der jüdischen Gemeinde Frankfurt im Rahmen der Interkulturellen Woche auf dem Neumarkt auf. Leider war ich nicht da an dem Tag, aber mir wurde erzählt, dass Muslime hier aus Limburg wohl sehr aggressive Bemerkungen gemacht haben. Seitdem hat sich die jüdische Gemeinde in Limburg nicht mehr getraut mit irgendeiner Gruppe die Öffentlichkeit zu suchen. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde kommen alle aus GUS-Staaten und haben zum großen Teil bittere Erfahrungen dort gemacht. Zum Glück macht der neue Rabbiner ihnen Mut, mehr in die Öffentlichkeit zu gehen. So findet seit zwei Jahren am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, eine Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof statt, die immer sehr gut besucht ist.

NNP: Aber wie soll denn ein Bürger die jüdische Gemeinde kennenlernen und vielleicht auch Vorurteile abbauen, wenn sie jegliche Öffentlichkeit vermeidet und sich aus Angst abschottet? Damit kann der Dialog doch schlecht zustande kommen.

PULLMANN: Dompfarrer Gereon Rehberg war schon in der Gemeinde und hat mit den jüdischen Menschen gesprochen. Es waren auch schon Kirchenvorstände und Politiker da. Am 25. September, dem jüdischen Neujahrsfest, werden Vertreter der evangelischen Gemeinde Limburg am Festgottesdienst teilnehmen. Es kommen vor allem aber junge Leute und Schulklassen, die dann auch Fragen an den Vorstand der Gemeinde stellen können. Bisher hat das immer gut geklappt. Im persönlichen Austausch ist die jüdische Gemeinde sehr offen, sie will nur nicht in der Öffentlichkeit stehen. Wenn also Interessierte die jüdische Gemeinde kennenlernen wollen, dann geht das nach wie vor. Wir sind dann Vermittler und dazu da, Ängste abzubauen und Fragen zu beantworten.

NNP: Was genau ist die Aufgabe der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Limburg?

PULLMANN: 1992 haben wir unsere Gesellschaft in Limburg gegründet mit dem Ziel des Ausgleichs und der Versöhnung. Ich selbst gehe in viele Schulen und begleite die Führungen in der jüdischen Gemeinde. Es ist faszinierend zu sehen, wie schon Grundschüler reagieren, wenn sie zum ersten Mal diese Fremdheit genommen bekommen und sehen: Wie lebt eine Gemeinde ihre Religion? Das bringt Menschen wirklich ein großes Stück weiter. Diese Bildung müsste auch ganz verstärkt bei Erwachsenen stattfinden. Natürlich geht es auch darum, Kontakt zu den Juden herzustellen und zu halten, die vor dem Krieg in Limburg gelebt haben. Das ist das Schönste, dass Leute, die unter schlimmsten antisemitischen Anfeindungen vertrieben wurden, heute wieder das Gefühl haben, dass Limburg ihre Heimatstadt ist. Einer von ihnen schrieb sogar, die Gründung unserer Gesellschaft sei der Höhepunkt seines Lebens.

NNP: Was wollen Sie erreichen?

PULLMANN: Christen, Juden und Muslime glauben, dass es einen Gott gibt, den einen. Das steht im Koran, der Tora und in der Bibel. Warum betont man nicht solche Gemeinsamkeiten? Hätte ich als Gläubiger im Kopf, dass wir alle Geschöpfe dieses einen Gottes sind, dann dürften Anfeindungen nicht passieren. Dann sollte es egal sein, ob ich einen langen Bart habe und eine Kippa trage oder ein Kopftuch oder keins von beiden. Veränderung findet im Kopf statt und nicht über Parolen. Ich plädiere generell für eine größere Offenheit gegenüber Ausländern oder Menschen, die anders aussehen, anders leben wollen oder eine andere Religion als die christliche haben. Dabei ist es aber wichtig, dass sie sich an unsere Verfassung und unsere demokratischen Grundrechte halten. Dafür müssen wir uns einsetzen. In Limburg wollen wir weiter diesen Weg verfolgen.

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