E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Limburg an der Lahn 15°C

Diskussion über Flüchtlinge im Limburger Priesterseminar: Warum wird nachts abgeschoben?

Ein Erfolg, der zum Nachdenken anregt: 2015 nahm Deutschland rund 800 000 Flüchtlinge auf. Eine Kraftanstrengung, die ohne ehrenamtliches Engagement nicht möglich gewesen wäre. Über die Herausforderungen der Flüchtlingsproblematik diskutierten Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich und weitere Experten im Limburger Priesterseminar.
Einen Blick in die Praxis der Flüchtlingsunterbringung lieferte Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich in seinem Vortrag. Foto: Johannes Koenig Einen Blick in die Praxis der Flüchtlingsunterbringung lieferte Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich in seinem Vortrag.
Limburg. 

Die Zukunft der EU und die Lösung der Flüchtlingskrise liegt im Engagement der Zivilgesellschaft. Diese vom Osnabrücker Migrationsforscher Dr. Olaf Kleist ausgesprochene Vorhersage zog sich wie ein roter Faden durch die Fachvorträge der Podiumsdiskussion „Flüchtlingskrise in Europa: Ursachen, Politik und Perspektiven“. Eine Diskussionsrunde, zu der rund 70 Zuhörer ins Limburger Priesterseminar gekommen waren. Organisiert wurde der Abend vom „Europe-Direct-Informationszentrum Gießen“.

„Die Leistungen von Verwaltung und Ehrenamt in der Flüchtlingskrise waren schlichtweg enorm“, betonte Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich in seinem Eröffnungsvortrag. Diesen nutze er, um noch einmal auf die Ereignisse des vergangenen Jahres zurückzublicken: „An Spitzentagen erreichten über 1300 Menschen die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, gleichzeitig wurden innerhalb weniger Tage weitere Flüchtlingscamps aus dem Boden gestampft.“ Zu Jahresende wurden so rund 120 000 Menschen in Gießen erstversorgt und untersucht.

Mittlerweile sind die Zahlen drastisch zurückgegangen: Momentan kommen in der Einrichtung im Monat noch rund 1700 Flüchtlinge an. Diese Neuankömmlinge werden in einem Ankunftszentrum innerhalb von zwei Tagen registriert, untersucht, beraten und Unterkünften zugewiesen. Verstärkt wurde 2015 auch die Abschiebung von Menschen ohne rechtliche Bleibeperspektive.

„Oft hört man von Familien, die mitten in der Nacht von der Polizei aus dem Schlaf geklingelt und zum Flughafen gebracht werden“, griff Ullrich ein kontroverses Thema auf. Das passiere aber nicht von jetzt auf gleich. Denn die Betroffenen wurden vorab mehrmals informiert und aufgefordert, das Land freiwillig zu verlassen. „Die Abschiebung beginnt in der Nacht, weil man dann recht sicher sein kann, die Personen auch zu Hause anzutreffen.“

Insgesamt wurden 2015 weltweit mehr als 65 Millionen Flüchtlinge gezählt – mehr als die Hälfte davon Kinder und Jugendliche, erzählte Dr. Ulrike Krause in ihrem Vortrag über Entwicklungen und Zusammenhänge von Flucht und Migration. Bei den Herkunftsländern standen Syrien und Afghanistan an erster Stelle, gefolgt von Somalia, Südsudan und weiteren afrikanischen Staaten. „Unter den Aufnahmeländern ist Deutschland, verglichen mit seiner Einwohnerzahl, nicht unter den ersten Plätzen. Diese nehmen in Europa Ungarn, Schweden und Österreich ein“, erklärte später noch Professor Dr. Thorsten Müller in seinen Ausführungen über das Spannungsverhältnis von Grenzen in Europa. Der Ausspruch, das Boot sei voll, treffe daher auf Deutschland nicht zu, ergänzte zuletzt noch Dr. Olaf Kleist.

Er zeigte auch die zentrale Problematik der Europäischen Union in Migrations- und Asylfragen auf: „Der Zwiespalt zwischen Souveränität der Einzelstaaten auf der einen Seite und der Handlungsspielraum der verschiedenen EU-Institutionen auf der anderen. Dieser Konflikt ist der EU quasi angeboren und hemmt die Flüchtlingspolitik.“

(koe)
Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen