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Flüchtlinge auf dem Weg zu Fuß durch den Landkreis: Was ist ein Friedhof?

Die Gruppe aus Flüchtlingen, die in der vergangenen Woche in Limburg zu ihrem Fußmarsch durch den Landkreis aufbrach, ist kleiner geworden. Drei Männer mussten aussteigen, sieben Teilnehmer sind noch unterwegs. Gestern stand der Weg von Bad Camberg nach Niederbrechen an. Ein Tagesprotokoll.
Das Hinweisschild »Friedhof« kann zu Diskussionen führen und Erinnerungen wachrufen. Foto: CEVAHIR Halil-Ibrahim Das Hinweisschild »Friedhof« kann zu Diskussionen führen und Erinnerungen wachrufen.
Limburg-Weilburg. 

Die Gruppe hat im katholischen Pfarrzentrum in Bad Camberg gut geschlafen, doch die Müdigkeit nimmt bei allen zu. Seit vergangenen Mittwoch sind sie jeden Tag zu Fuß unterwegs. Und das bei den Temperaturen. Das hinterlässt körperliche Spuren. Im Jugendhaus startet der siebte Tag der „BeGEHgnungstour“ mit einem tollen Frühstück mit selbstgemachter Marmelade. Herr Fritz aus Bad Camberg stößt zur Gruppe und will an dem Tag ein Stück mitgehen, ebenso Selina aus Mensfelden.

10.20 Uhr: Die Tagestour startet mit einem Rundgang durch die Altstadt. Das ist eine Lehre aus den vorangegangenen Übernachtungen, denn dort hatte die Gruppe oft nicht mehr als die Stätte der Rast gesehen.

11 Uhr: Die Gruppe sitzt in der Nähe von Erbach an einem Radweg unter einem Baum. Die Glocken läuten, ansonsten friedliche Stille. Das Gefühl der Sicherheit kommt bei Mohammed nicht auf. Obwohl er seit fünf Monaten in Deutschland ist, erschreckt ihn jedes plötzliche Geräusch. Sommer, Sonne, Menschen auf der Wiese, das ist in Syrien, in seinem Heimatland, undenkbar.

11.55 Uhr: Die Gruppe passiert die Bürstenfabrik. Schwere Gedanken begleiten die Gruppe, sie sollen vertrieben werden. Reweng spielt auf der Blockföte mit Absicht schräg, um seine Begleiter zum Lachen zu bringen. Lawand, Lazgin und Mohammed singen ein lustiges Lied über die Liebe. Jeder achtet auf das Wohlergehen der anderen und so langsam kommt wieder etwas Fröhlichkeit auf.

12.20 Uhr: In Oberselters fragen die Flüchtlinge ihre Begleiterin Gitte Bürger, die für den Caritasverband im Stadtteilbüro Limburg-Nord arbeitet, nach der Bedeutung des Wortes „Friedhof“. Bei der Erklärung taucht Bonsa, der die Gruppe wegen einer Verletzung verlassen musste, plötzlich in Gedanken wieder auf. Er hatte auf dem Weg zuvor durch den Landkreis von seiner Flucht erzählt. Er kam über das Mittelmeer und erzählte davon, wie das Boot mit 300 Flüchtlingen vor ihm kenterte und alle Menschen starben. Von seinem Boot starben „nur“ zwei Flüchtlinge, die ins Meer stürzten. Für sie alle gibt es keinen Friedhof, nur das Massengrab Mittelmeer.

13.30 Uhr: In Niederselters Pause am Bach unter den Bäumen. Alle suchen Schutz vor der Mittagshitze. Nach fünf Minuten Ruhe trägt Louai ein Gedicht über das wahre Glück der Menschen vor. In Arabisch natürlich, wegen der schönen Worte. Glück ist nur dann möglich, wenn Wahrheit und Liebe im Herzen sind, so die Kurzfassung. Über das Handy erklingt syrische Musik und die Männer fordern zum Tanz auf.

Auf dem anschließenden Weg durch Niederselters wird die Gruppe von drei Frauen angerufen. Dagmar Ries, Ute Theis und Mari Gunnemann erwarten die ersten Flüchtlinge in Niederselters und laden die Gruppe zu einer Erfrischung ins Brunnenkaffee ein. Auf das Willkommensschild der drei Frauen schreiben die Teilnehmer der „BeGEHgnung“ auf Arabisch und Kurdisch noch willkommen.

14.45 Uhr: Aus Oberbrechen kommt Frau Blättel mit den syrischen Jungs Mohamed und Hamza entgegen. Sie begleiten die Gruppe bis nach Oberbrechen und wollen abends zum Erzählcafé kommen. Durch den Kontakt mit den Jungs wird bei Lawan die Sehnsucht nach Frau und Kindern wieder gestärkt, die im Irak im Flüchtlingslager leben.

15.20 Uhr: Die letzte Trinkpause in Oberbrechen. Hamza aus Algerien stößt zur Gruppe und bleibt bei ihr. Hamza arbeitet oft als Übersetzer.

16.30 Uhr: Das Tagesziel PeeZ in Niederbrechen wird erreicht. Nun geht es unter die Duschen. Am Abend steht in dem Jugendzentrum wie an jedem Abend auf der Tour der Austausch der Flüchtlinge mit Einheimischen an. jl

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