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Windkraft in Bad Camberg: Wer sich für Windkraft ausspricht, muss einiges aushalten

Von Es geht um alternative Energien, um Windkraft und das Erzeugen von Druck. Druck gegen diejenigen, die eine andere Meinung vertreten. In Schwickershausen geht es schon seit Langem nicht nur um Fakten, sondern um Stimmungsmache.
<span></span> Foto: Petra Hackert
Bad Camberg. 

Die ersten Gespräche liegen Jahre zurück: Die Idee war, Windkraftanlagen im Taunus zu errichten – damals noch angedacht in interkommunaler Zusammenarbeit der Stadt Bad Camberg und der Gemeinde Weilrod. Daraus wurde nichts. Auf Weilroder Seite drehen sich nun sieben Windkraftanlagen, das erste Projekt der Firma AboInvest in Hessen. In der Bad Camberger Gemarkung will DunoAir in diesem Jahr Windkraftanlagen auf dem „Kuhbett“ errichten. Sechs waren ursprünglich geplant, vier hat das Regierungspräsidium in Gießen zum Ende des Jahres 2016 genehmigt – nach drei Jahren der Vorarbeit und Prüfungen. Rund 120 Einwendungen gegen die Anlagen wurden eingereicht, das Regierungspräsidium schreibt: „Es wurden alle Einwendungen entsprechend berücksichtigt.“ Allein der Genehmigungsbescheid umfasst 220 Seiten.

Eine Möglichkeit, sich gegen eine solche Entscheidung zu wenden, ist der Klageweg. Doch es geht nicht nur um Fakten, sondern auch um Meinungen. Leserbriefe, Flugblätter, soziale Medien sind Kommunikationswege, die genutzt werden, um Positionen zu vertreten. Manchen sind gegenteilige Meinungen dabei ein Dorn im Auge. Sie werden laut und persönlich. Derzeit zu beobachten in Schwickershausen: Der Druck auf diejenigen wächst, die sich nicht gegen die Windkraft äußern, oder – schlimmer noch – sich dafür aussprechen. Das geschieht zum Teil über anonyme Schreiben, aber durchaus auch über offene Drohungen und in der Öffentlichkeit.

Druck und Drohungen

Einer, der diesen Druck schon lange aushält, ist Rolf Siepermann. Er sieht sich seit Monaten mit Drohungen konfrontiert, denn er befürwortet die Windkraft, obwohl er in Schwickershausen wohnt.

Der frühere Schwickershäuser Ortsvorsteher und Sprecher des Fördervereins „Lokale Agenda 21“ in Bad Camberg engagiert sich für die Umsetzung der Energiewende. Er hat sich über das Regierungspräsidium in Gießen weitergebildet, Angebote genutzt und Kurse belegt, die sich auch mit den Themen Speichertechnik und Umsetzung befassen. Daher fällt ihm auf, wenn in Leserbriefen, Flugblättern, Aushängen etwas nicht stimmt. Er meldet sich immer wieder zu Wort – und bekommt postwendend harsche Reaktionen.

Ein Beispiel in der Öffentlichkeit: Der FDP-Kreisvorstand, der die Errichtung von Windkraftanlagen nach eigenen Worten kritisch sieht, lädt ein: „Gemeinsam mit der BI Rennstraße treffen sich der FDP-Kreisvorstand und alle interessierten Bürgerinnen und Bürger am Samstag, 15. Oktober 2016, um 15.30 Uhr am Parkplatz Kuhbett an der L 3030 zwischen Schwickershausen und Hasselbach an der Landkreisgrenze zum Hochtaunuskreis. Jeder ist willkommen, sich ein Bild vor Ort zu machen.“ So die offene Einladung an alle. Rolf Siepermann geht hin. Nur jedem willkommen ist er anscheinend nicht. Er kommt zum Treffen, fotografiert, wird hart angegangen. Sein Kontrahent, Windkraftgegner und Rechtsanwalt, bringt ihn dazu, die Fotos, die er gerade gemacht hat, von seinem Chip zu löschen. Der Rechtsanwalt droht mit einem Gerichtsverfahren, sollten diese Bilder irgendwo in der Öffentlichkeit erscheinen. Siepermann löscht alle seine Fotos. Warum eigentlich?

Recht am eigenen Bild

Grundsätzlich zu beachten ist das Recht am eigenen Bild – niemand muss sich gegen seinen Willen abbilden lassen. Aber auch der Anlass spielt eine Rolle. Presse-Medien handhaben es so: Wenn es eine öffentliche Veranstaltung gibt, eine Demonstration mit vielen Menschen, und darüber berichtet wird, kann niemand im Kreis der Protestierenden verhindern, dass zum Beispiel die „Tagesschau“ diese Bilder zeigt, nur weil er an einer Stelle zu sehen ist. Es ist der Sinn einer solchen öffentlichen Veranstaltung, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Genau deshalb hatte die FDP zu ihrem Ortstermin auch die Presse eingeladen. So war die NNP vor Ort, als es zur Auseinandersetzung kam. Die Beobachtung: Rolf Siepermann wurde aus der Gruppe herausgedrängt, nicht angefasst, aber durch körperliche Präsenz dazu gebracht, zurückzuweichen. Mehr noch: Er löschte nicht nur seinen Chip, sondern er nahm an der anschließenden Begehung nicht mehr teil.

FDP: überrascht

Eine Nachfrage bei der FDP ergab: Die Auseinandersetzung war nicht verborgen geblieben. „Wir waren überrascht, aber es war offensichtlich, dass es da eine Vorgeschichte gibt“, sagt der Kreistagsabgeordnete Tobias Kress. Er habe nichts dagegen, selbst bei einem Öffentlichkeitstermin fotografiert zu werden, aber beobachtet, dass eine Reihe der Anwesenden, von denen er nicht alle kannte, „sehr nachdrücklich darauf gedrungen hat, diese Bilder nicht zu verwenden“. Rolf Siepermann habe die Gruppe bis zur Wege-Abzweigung ins „Kuhbett“ begleitet und dort verlassen. Dass er gegangen sei, weil er sich Druck gebeugt habe – dies habe er allerdings nicht so empfunden, sagt Kress. „Ich habe mich einschüchtern lassen“, sagt wiederum Rolf Siepermann über diesen Tag.

Rolf Siepermann will sich dem Druck nicht beugen. Bild-Zoom Foto: Petra Hackert
Rolf Siepermann will sich dem Druck nicht beugen.

Ihn stört dies und der Umgang mit Informationen. Beispiel: In Schwickershausen ging im vergangenen Jahr über die sozialen Medien ein Video rund, in denen Fasane gegen den Mast einer Windkraftanlage prallen. In Bubenheim soll das passiert sein. Es gibt drei Orte dieses Namens in Rheinland-Pfalz. Das erschwert eine Recherche. Das Ergebnis: Der deutschen Vogelschutzwarte, die solche Unfälle aufmerksam registriert, ist nichts davon bekannt. Typischer Fake? Für Rolf Siepermann ist dies symptomatisch für den Versuch, Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken.

In diesem Zusammenhang verweist er auch auf die Unterschriftenaktion der Ortsbeiräte Schwickershausen und Dombach im Mai 2015 gegen die geplante Errichtung der Windkraftanlagen auf dem Kuhbett. Die NNP hört nach: 472 Personen haben unterschrieben. Von Haus zu Haus gehend wurde gefragt. „Und manche trauen sich gar nicht, dann nicht mitzumachen“, sagt eine Schwickershäuserin, die namentlich nicht genannt werden will. Was ist eigentlich mit denen, die sich nicht äußern möchten? Geht das noch in Ordnung? „Ich habe nicht unterschrieben, wurde aber von drei verschiedenen Leuten nacheinander besucht und immer wieder danach gefragt. Am Anfang hatte ich schon das Gefühl, das nimmt man mir jetzt übel. Aber unter Druck gesetzt habe ich mich nicht gefühlt. Ich habe eben eine andere Meinung, und dazu stehe ich“, sagt ein Schwickershäuser. Er hat seine Position vertreten, möchte aber ebenfalls nicht namentlich genannt werden.

„Alternative Fakten“

Die Beobachtung, die Außenstehende machen: Die Fronten sind hart geworden. Es sind sogar Feindschaften entstanden in dem kleinen Ort im Taunus. Die einen wollen die Windkraftanlagen nicht haben, den anderen sind sie lieber als die Alternativen. Dabei geht es um Fakten, Meinungen, Einflussnahme und Emotionen. „Alternative Fakten“ – diesen Ausdruck hat die Sprecherin des neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump vor wenigen Tagen geprägt. Gibt es die auch hier?

„Wollen Sie, dass Ihre Kinder krank werden?“, ist eine der Fragen, die in Zusammenhang mit dem Thema Infraschall gestellt wurde. „Meine Windschutzscheibe erzeugt beim Autofahren mehr Infraschall als ein Windrad, das sich kilometerweit weg dreht“, sagt Rolf Siepermann. Der Förderverein Lokale Agenda 21 Bad Camberg ergänzt: Wie war das nochmal mit dem Atommüll? Wie lange strahlt er? Welches Endlager gibt es?

Eines steht fest: Ruhiger ist es seit der Genehmigung der vier Windkraftanlagen auf dem Kuhbett nicht geworden. Eine Schwickershäuserin sieht das so: „Warten Sie mal ab, bis dort oben gebaut wird und sich die Leute wieder auf die Straße setzen, um weggetragen zu werden. So war das doch, als die Anlagen in Weilrod gebaut wurden. Da werden Sie noch viel zu berichten haben.“

Interview mit Thorsten Haas auf Seite 2

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