Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Limburg an der Lahn 20°C

Expertin stellte in der Vitos-Klinik ihre Erkenntnisse vor: Wie Amokläufer ticken

Columbine, Erfurt, Winnenden, München – Amokläufe schockieren die Gesellschaft. Die Wissenschaftlerin Britta Bannenberg beschäftigt sich mit der Persönlichkeit der Täter.
Kriminologin B. Bannenberg. Kriminologin B. Bannenberg.
Hadamar. 

Junge Amokläufer sind nicht die Jugendlichen aus schwierigen Elternhäusern mit niedriger Bildung, die öfter mal auf der Straße und auf Partys als Schläger auffallen. Das erklärte Prof. Dr. Britta Bannenberg, Lehrstuhlinhaberin für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Justus-Liebig-Universität Gießen, bei einem Vortrag in der Vitos-Klinik für forensische Psychiatrie. Die Fachfrau hat alle 20 Amokläufe in Deutschland untersucht, die seit 1992 von Tätern bis 23 Jahren begangen wurden. Der typische Täter ist demnach männlich, Deutscher ohne Migrationshintergrund und Gymnasiast oder Schüler einer anderen weiterführenden Schule. Häufig fielen die Jugendlichen durch schlechte Leistungen auf. Wobei Bannenberg die Aussage „häufig“ relativierte. Es habe bisher zu wenig Fälle gegeben.

„Alle sollen sterben“

Junge Amokläufer seien vor ihren Taten meist sozial unauffällig, ziehen sich eher in ihre Wohnungen zurück und hätten Kontaktschwierigkeiten. Keiner der Täter habe sich in einer festen Partnerschaft befunden. Dass solche Leute straffällig werden, habe nichts damit zu tun, dass sie von anderen Schülern vorher gemobbt worden seien. Denn 25 Prozent aller Schüler würden irgendwann Opfer von Mobbing – und trotzdem nicht zu Amokläufern. Dennoch seien Amokläufer in der Regel Leute, die Groll und Wut gegen die Gesellschaft in sich tragen und sich an dieser („Alle sollen sterben“) rächen wollten. Solche Menschen seien nicht impulsiv und meist bis zu ihrer Tat nicht strafrechtlich auffällig, besäßen aber Tötungsphantasien und verbrächten viel Zeit im Internet. Sie spielten Ego-Shooter, informierten sich über frühere reale Taten. Oft stärke sich durch das Internet die Identifikation mit früheren Amokläufern. Daher könnten Taten immer leicht zu Nachahmern führen, die aus den Erfahrungen ihrer Vorgänger lernten. Große Bedeutung für viele Täter habe das Massaker an der Columbine High School 1999 in den USA gespielt. Viele Täter seien fasziniert von Waffen. Daher sei es durchaus ein Mittel der Prävention, den Zugang zu Waffen zu erschweren. „Niemand, der einen Amoklauf plant, wird drei Jahre für eine Jägerprüfung büffeln“, sagt die Wissenschaftlerin. Dass jemand über die Mitgliedschaft in einem Schützenverein versucht, an Waffen zu kommen, sei eher realistisch.

Die Gießener Professorin denkt, dass ein wachsames Umfeld Taten verhindern könnte. Mögliche Täter würden in der Regel zwar keine offenen Drohungen ausstoßen, aber ihre Pläne durchaus im Internet oder im eigenen sozialen Umfeld andeuten und Taten oft über Jahre planen. Bannenberg sagte, künftige Täter seien vorher bereits psychopathologisch auffällig, narzisstisch, paranoid und kränkbar. Wodurch Bannenbergs Aussagen nach spätere Täter eher nicht auffallen, sei Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch.

Wenige Fälle in Deutschland

Laut der Wissenschaftlerin ist die Forschung nicht einfach, weil es bisher in Deutschland wenige Fälle und wenige überlebende Täter gebe, mit denen man im Nachhinein über die Beweggründe ihrer Taten sprechen könne. Die meisten töteten sich selbst, sobald die Polizei sie gestellt hat.

Was Bannenberg neben Gerichtsakten und Augenzeugenaussagen bei der Forschung hilft, sind die oft sehr umfangreichen Aufzeichnungen der Täter in Tagebüchern oder ihre Chatverläufe im Internet. Bannenberg beruhigte: „Es droht in Deutschland nicht jeden Tag ein Amoklauf.“ Die Zahl der Mehrfachtötungen durch einen Täter pro Jahr sei nicht mehr als eine Hand voll. Amok sei, wenn jemand innerhalb kürzester Zeit wahllos so viele Menschen wie möglich töten wolle. In solchen Fällen müsse die Polizei sofort dazwischen gehen, um die Zahl der Opfer so stark wie möglich zu begrenzen. Den Tätern sei die Medienwirkung ihrer Taten in der Regel wichtig. Dahinter stecke aber keine politische oder religiöse Motivation wie bei Rechten oder Islamisten. Vielmehr wollten sie andere dafür büßen lassen, dass sie sich selbst nicht gut fühlen.

(rok)
Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse