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Bürgerprotest: Wie Spargel aus dem Boden

Was wird aus Hambach? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer durchaus emotional geführten Bürgerinformation zum Thema Windkraft im Gemeindehaus. Eine Frage, die sich nahtlos auf Altendiez, Heistenbach, Hirschberg, Eppenrod und Görgeshausen übertragen lässt.
Das Thema Windkraft erhitzte bei der Bürgerversammlung die Gemüter. Rechts Ortsbürgermeister Peter Sehr. Das Thema Windkraft erhitzte bei der Bürgerversammlung die Gemüter. Rechts Ortsbürgermeister Peter Sehr.
Hambach. 

Jetzt müsste es auch dem Letzten dämmern: Setzt die Bevölkerung der Profitsucht vermögender Investoren nicht ausdauernd massivsten Widerstand entgegen, werden in der Region Windräder wie Spargel aus dem Boden schießen, Landschaft und Natur, bislang noch Magnet für den Fremdenverkehr, degradiert zur Dekoration für stählerne Ungetüme. Schon in einigen wenigen Jahren werden die Menschen, denen im Zuge einer Energiewende sinkende Stromkosten vorgegaukelt wurden, zwischen Esterau und Lahn in einem Windpark leben. Und sie werden erneut die Zeche zahlen – auch für absehbare Überproduktionen.

Schall, Schlagschatten, optische Beeinträchtigung – nicht noch einmal möchten sie in Hambach (wie gerade durch die Windräder in Elz geschehen) vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Acht auf dem Höhenzug zwischen Altendiez und Heistenbach geplante Anlagen ließen aus berechtigter Sorge um die Folgen in der Bürgerversammlung Ärger und Wut aufkommen. Und Fragen: Was wird aus dem Ort? Aus Erweiterungen? Wie attraktiv ist das Dorf noch für potenzielle Grunderwerber? Was wird aus einzelnen Anwesen? Welcher Wertverlust steht an? Welche Vorteile haben die Einwohner durch den Bau der Anlagen? Gibt es überhaupt Vorteile? Und wer steckt den Erlös von rund 2,5 Millionen Euro per anno ein? Hambach stehen (abgesehen von den Einnahmen aus Beteiligungen) jährlich 1200 Euro Nutzungsentschädigung zu . . .

All diese Befürchtungen sind deckungsgleich auf die Ortschaften in der Umgebung zu übertragen. Denn was die Vertreter der beiden beteiligten Projektgesellschaften als Onshore-Windpark planen und entwickeln, das hat beträchtliche Dimensionen. 50 000 Quadratmeter Wald müssten gerodet und später durch Renaturierungen und Anpflanzungen ausgeglichen werden, damit sich im Staatsforst die 212 Meter hohen Anlagen in den Wind drehen können. Bis auf 1125 Meter rücken die Bauwerke vom Typ Vesta V 123 mit einer Leistung von 3,3 Megawatt an die bebaute Ortslage heran. Zum Vergleich: Der Abstand zu den hessischen Anlagen liegt in Hambach bei 840 bzw. 930 Metern, andererseits ist das alte Forsthaus in Altendiez 856 Meter von der nächsten WEA entfernt.

Auf der Höhe zwischen 260 und 345 Meter positioniert, überstreichen die mächtigen Rotoren bei Windgeschwindigkeiten zwischen drei und 22,5 Metern pro Sekunde (Werte der Ein- und Abschaltautomatik) eine Fläche von 12 500 Quadratmetern. Messungen ergaben durchschnittliche Windgeschwindigkeiten von 6,6 Metern pro Sekunde. Laut Planung sollen die Anlagen im Windpark im Mittel 2615 Volllaststunden erreichen. Angeliefert würden die Einzelteile der bis zur Nabe 149 Meter hohen und mit einem Rotordurchmesser von 126 Metern ausgestatteten Anlagen über die L 318 und vorhandene Wirtschaftswege.

Umzingelt

Während sich die Einwohner beizeiten von Windrädern umzingelt fühlen (in der Umgebung gibt es weitere Vorhaben), betonen iTerra energy, der Projektentwickler, und Trianel GmbH, das nach eigenen Angaben in Europa führende Netzwerk aus Stadtwerken, für das gemeinsame Projekt die Einhaltung aller Vorgaben und Grenzwerte bei Schall, Schlagschatten und Siedlungsabständen. Im ungünstigsten Fall sei ein Schattenwurf von 29 bis 32 Minuten an einem Tag und nicht mehr als 2,55 Stunden im Jahr zu erwarten. Schallmessungen am Eichenweg hätten einschließlich der bestehenden Belastung (35,9 dB/A) einen Lärmpegel von 38,4 Dezibel ergeben, 2,5 mehr als derzeit.

Nach der Ausschreibung 2013 erfolgte im April 2014 der Zuschlag für die Planung und im Herbst die Untersuchung zum Naturschutz. Bis Ende 2015 wurden Standorte angepasst und Verhandlungen mit den Eigentümern der Flächen für die Infrastruktur aufgenommen. Im März 2016 konnte für die fixierten Standorte der Bauantrag für eine Betriebsdauer von 25 Jahren gestellt werden. Im Zuge des Genehmigungsverfahrens werden die Unterlagen vier Wochen lang öffentlich ausgelegt und anschließend ein Erörterungstermin anberaumt. Beteiligt sind an dem Verfahren mehr als 30 Behörden.

Martin Bettner (iTerra) und Martin Hektor (Trianel), die während der eineinhalbstündigen Information nicht nur optisch häufiger mit dem Rücken zur Wand standen, gehen bei einer Baugenehmigung noch in diesem Jahr von Rodungsarbeiten im Winter 2016/17 aus. Im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres könnten die Anlagen dann den Betrieb aufnehmen.

Aktuell liegt eine Genehmigung für Bohrungen vor, um Gefahren für Wasserschutzgebiete auszuschließen.

(hbw)
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