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Fotografien: Wie ein Sandwich die Berggeister besänftigte

Der Vulkan Agung auf der indonesischen Ferieninsel Bali hielt vor einigen Wochen die Welt in Atem. Er stehe kurz vor dem Ausbruch, hieß es Ende November. Mittlerweile hat sich die Lage etwas beruhigt. Zum großen Knall ist es nicht gekommen, aber der Agung rumort weiter . . . Knapp 10 000 Kilometer entfernt lebt Hanns Hemann. Von Burg Hohlenfels aus verfolgt er die Nachrichten aus Bali genau, hat er doch seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Agung gemacht.
Der heimische Fotograf Hanns Hemann bestieg im Jahr 1995 den Vulkan Agung, der seit einigen Wochen wieder von sich reden macht. Bilder > Der heimische Fotograf Hanns Hemann bestieg im Jahr 1995 den Vulkan Agung, der seit einigen Wochen wieder von sich reden macht.
Mudershausen. 

Der heimische Fotograf, Weltenbummler und Besitzer der Burg Hohlenfels, Hanns Hemann, dürfte zu den wenigen Deutschen gehören, die den Vulkan Agung nicht nur aus der Entfernung bestaunen durften. Er bewältigte im Jahr 1995 auch den beschwerlichen Aufstieg bis in 3142 Meter Höhe. Das ist mehr als 20 Jahre her. Doch die Erinnerungen an dieses spannende Erlebnis sind nach wie vor frisch. Das liegt wohl auch daran, dass Hemann damals, gemäß seinem Auftrag, hunderte von Fotos schoss: farbenprächtige Tänzerinnen, blauer Himmel über Sandstränden, leuchtend grüne Wälder, atemberaubende Reis-Terrassenhänge an tiefen Gebirgstälern . . .

Heiliger Berg

Während Hanns Hemann in der bequemen, gut geheizten Stube von Burg Hohlenfels, 9855 Kilometer von Bali entfernt, seine großformatigen Bilder betrachtet, wird die Reise wieder lebendig. Voller Begeisterung spricht er von den Tänzen und Ritualen der Einheimischen. Von abgelegenen winzigen Gehöften, Fischerdörfern am Meer und den gastfreundlichen Hindus. Aber manchmal mischt sich eine besorgte Note in seine lebhaften Schilderungen, dann blickt er traurig auf eines seiner Bilder und sagt: „Das ist jetzt alles weg, alles futsch, voll mit Asche aus dem Vulkan.“ Denn: Seit Ende November rumort es in dem Berg, der den Hindus heilig ist. Einwohner wurden in Sicherheit gebracht, der Flughafen zeitweise geschlossen, es herrscht höchste Alarmstufe. Zwar beruhigte sich der Vulkan zwischenzeitlich etwas, doch auch zurzeit steigen immer wieder Rauchsäulen auf.

Als Hemann 1995 für sechs Wochen nach Bali reiste, unter anderem um für einen deutschen Reiseanbieter Szenenfotos zu schießen, war der Berg ruhig. Hemann gelang sogar eine seltene Aufnahme des Vulkans: „Meistens ist der Gipfel von Wolken umgeben“, erklärt Hemann. „Ich habe eine der wenigen Aufnahmen gemacht, auf denen der Gipfel frei ist.“

Doch Hemann wollte mehr. Er wollte rauf zum Kraterrand. „Ich hatte vorher schon den Kilimandscharo bestiegen“, sagt er mit seinem typischen Humor und augenzwinkernd. „Da sollte doch der Agung, der fast 3000 Meter niedriger ist, kein Problem sein.“ Doch ganz so einfach war es dann doch nicht. „Ich brauchte einen Führer zum Gipfel, also wandte ich mich an das Hindu-Kloster am Berg. Dort fand ich dann auch einen Mönch, der sich bereit erklärte, mich auf den Berg zu bringen.“

An dieser Stelle muss man erklären, dass sich Hemanns Berichte immer wie Abenteuer-Geschichten mit hohem Humorfaktor anhören. Wir können nicht überprüfen, ob sich alles genau so zugetragen hat, wie Hemann es erzählt. Spannend ist sein Bericht allemal:

Hühner und Geister

„Als ich mich mit meinem Führer verständigt hatte, ging ich davon aus, dass wir unverzüglich aufbrechen würden. Doch da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt, oder besser, ohne die Geister gemacht. Mein Mönch-Führer trug mir auf, dass ich im Kloster übernachten sollte. Und ich sollte eine Flasche Cola und ein Sandwich besorgen. Erst um Mitternacht würde dann die Reise beginnen. Ich fügte mich in mein Schicksal, besorgte alle Zutaten und ruhte mich auf einer Pritsche aus. Unter mir die Hühner. Über mir die Geister. Tatsächlich ging es dann auch mitten in der Nacht los. Mit kaum mehr als einer mickrigen Taschenlampe folgte ich dem Mann auf den Berg. Stundenlang, bis endlich die Sonne aufging. Als wir oben ankamen, bebte der Boden. Alles wackelte. Steine zersprangen wie Glas. Mir war ganz schön bange. Immerhin waren beim letzten Ausbruch 1963 fast 1600 Menschen ums Leben gekommen. Das trug ich stets im Hinterkopf. Mein Führer war jedoch sehr entspannt. Er verlangte die Flasche Cola von mir. Doch anstatt sie zu trinken, schüttete er die Flüssigkeit in den Vulkankrater und erklärte mir, dass die Geister besänftigt werden müssten. Als das nicht half, zerbröselte er auch noch das Sandwich in den Krater. Dann, plötzlich, gab der Berg Ruhe.

Allein am Kraterrand

Dennoch blieb das Gefühl von Unsicherheit. Vor allem, als mein Führer ankündigte, er würde nun wieder absteigen. Schließlich sei er in erster Linie Mönch und müsse sich um seinen Tempel kümmern. Mich ließ er oben alleine, nahm nur einen Großteil der schweren Kameraausrüstung mit – und meine Geldtasche und Papiere – alles, was schwer war und mich beim Abstieg behindern würde. Das verringerte meine Sorgen nicht – aber was sollte ich machen? Ich war der einzige Mensch oben am Kraterrand. Mit meiner verbliebenen Kamera machte ich Fotos. Ich war fasziniert von der Umgebung, sah dort oben Gesteinsformationen und -muster, die ich noch nie gesehen hatte.“

Erneut trübt sich sein Blick. „Auch das ist jetzt alles weg. Irgendwann wurde es Zeit, mich an den Abstieg zu machen. Doch da traf ich auf ein unerwartetes Problem. Ich hatte in der Dunkelheit der Nacht nicht wahrgenommen, dass wir auf winzigen Pfaden an steilen Abhängen entlang marschiert waren. Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen, um diese schmalen Wege an gähnenden Abgründen zu überwinden. Am Ende kam ich aber wohlbehalten am Kloster an.“

Dollarscheine verschenkt

Und was geschah mit seiner Ausrüstung und dem Geld? „Das fand ich im Kloster an einer Statue wieder. Es fehlte natürlich nichts.“ Den Mönch traf er später wieder und entlohnte ihn in Ein-Dollar-Scheinen. „Das hatte ich gelernt; eine große Menge Scheine sieht nach mehr aus und ist praktisch, wenn man Bakschisch braucht.“ Der Mönch habe das Geld sehr dankend angenommen. Allerdings nicht für sein Kloster. „Ich fuhr ihn dann mit meinem Leihwagen ins Tal. Fast an jedem Haus und an den Feldern ließ er mich anhalten, stieg aus und verteilte das Geld an die Bauern. Als Mönch durfte er ja selbst keine Besitztümer sammeln.“

Für Hanns Hemann war dies sicher ein Höhepunkt einer Reise, der es nicht an besonderen Erlebnissen mangelte. Schon damals lebte er seit zwei Jahrzehnten auf Burg Hohlenfels, die nicht zuletzt durch die Fotografien ihres Besitzers den Beinamen „Bilderburg“ trägt. Wenn er nun durch die Räume seines alten Gemäuers geht, begleitet ihn die Erinnerung an seine Reisen auf Schritt und Tritt – auch an den Vulkan Agung und seine eigenwilligen Geister.

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