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Flüchtlinge und das Weihnachtsfest: Zeit ist das Geschenk

Von Es geht um Weihnachten. Am Tisch sind die Christen in der Minderheit. Neben mir noch Gitte Bürger vom Caritasverband. Der Rest, die Besetzung wechselt im Laufe des Gesprächs, sind Moslems. Kurden aus Syrien oder syrische Kurden – wie auch immer.
Ein zerstörter Markt in einem Vorort von Damaskus nach einem Raketenangriff: In dem Bürgerkrieg, wo verschiedene Parteien gegeneinander kämpfen, werden Moslems und Christen gemeinsam Opfer. Foto: Mohammed Badra (EPA) Ein zerstörter Markt in einem Vorort von Damaskus nach einem Raketenangriff: In dem Bürgerkrieg, wo verschiedene Parteien gegeneinander kämpfen, werden Moslems und Christen gemeinsam Opfer.
Limburg. 

Hamdia Hammi ist schon seit sieben Jahren in Deutschland, wohnt seit über drei Jahren in einem Haus der Stadt Limburg. „Wir schenken auch“, sagt sie. Die 45 Jahre alte Frau ist mit ihren Kindern nach Deutschland gekommen. Inzwischen ist sie schon Oma.

„Chan hat schon Geschenke aus dem Kindergarten mitgebracht“, erzählt sie über ihren Enkel. An Weihnachten kommt die Familie zusammen. Familie, das ist mehr als sie, ihre Kinder und der Enkel. Auch der Bruder kommt mit seiner Familie aus Holland. Das wird eng in der Wohnung. Kein Platz für einen Weihnachtsbaum.

Und Geschenke? Schenken hat für Hamdia Hammi eine andere Bedeutung, als sich auf den Weg zu machen und für alle Geschenke zu kaufen. Das lässt die finanzielle Situation nicht zu, hat aber auch in ihrem früheren Leben keine Rolle gespielt. Schenken bedeutet für sie und ihre Familie Zeit für die anderen zu haben, zwei, drei Tage miteinander zu verbringen, gemeinsam zu essen.

Christen und Moslems

Hamdia Hammi hat im Sommer den Fußmarsch durch den Landkreis mitgemacht. Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern hatten dabei an verschiedenen Stationen halt gemacht. „Wir sind so, wie es die alten Leute von sich erzählt haben“, sagt die kurdische Frau. Bei der Station in Winkels haben alte Leute davon erzählt, wie es bei ihnen nach dem Krieg war. Es gab wenig zu essen, Luxus schon gar nicht. Aber alle haben Zeit miteinander verbracht. „So ist das auch bei uns“, erzählt die kurdische Frau.

Natürlich wussten sie schon, was Weihnachten ist. In Syrien leben Christen und wenn Moslems zu ihnen eingeladen werden, dann feiern sie zum Beispiel auch Weihnachten mit. Es war ein Miteinander in dem Land, in dem heute der Krieg tobt. IS gegen die Truppen von Baschar al Assad und umgekehrt, und beide gegen die kurdischen Milizen.

Roni Omar sitzt mit am Tisch, der junge Mann ist der Neffe von Hamdia Hammi und zu Besuch bei ihr. Er lebt in der Nähe von Chemnitz. Da ist die Stimmung gegenüber Flüchtlingen angespannter als in der Stadt, in der seine Tante wohnt, erzählt er. Seit vier Monaten ist er in Deutschland. Er kann sich schon verständlich machen. Er will lernen, daran lässt er keinen Zweifel. Das alles geht ihm nicht schnell genug.

Er hat in Damaskus gelebt, wollte Tänzer werden. „In Damaskus gibt es viele Christen“, erzählt er. Und reichlich Weihnachtsbeleuchtung. Auf seinem Smartphone zeigt er ein Foto von der Weihnachtsbeleuchtung. Ganz schön üppig. Auch da wird manchmal geklotzt und nicht gekleckert. „Zu meinen Freunden gehörten auch Christen“, erzählt er. Und in der Stadt mit rund 1,8 Millionen Einwohnern war das wohl ganz alltäglich, wenn Moslems und Christen miteinander befreundet waren.

Eigentlich, so erzählt Roni Omar weiter, gebe es jeder syrischen Stadt Christen. Und wo es Christen gibt, da werde auch Weihnachten gefeiert. Die Moslem unter sich würden es natürlich nicht feiern, aber eine Einladung von Christen zu diesem Fest auch nicht abschlagen.

Weihnachten ist auch das Fest der Familie. Und Hamdia Hammi fragt sich, warum so viele deutsche Familien getrennt voneinander leben. Natürlich gibt es das auch in ihrer Heimat, das erwachsene Kinder den Ort und die Stadt ihrer Eltern verlassen müssen, um Arbeit zu finden, um sich weiterzubilden. Aber in ihrer neuen Heimat ist das noch einmal ganz anders. Da wohnen Eltern und Kinder an einem Ort, aber doch voneinander getrennt. Das versteht sie nicht.

Beschenkt im Sommer

Für Gitte Büger war Weihnachten diesmal schon im Sommer. Zumindest vom beschenkt sein. Die Mitarbeiterin des Caritasverbands im Nachbarschaftszentrum in der Nordstadt war mit unterwegs, als die Flüchtlinge zu ihrem Fußmarsch aufbrachen. „Diese Gemeinschaft zu erleben, das war mehr Geschenk als alles andere“, erzählt sie noch Monate später. Es sei dabei auch wichtig gewesen zu erkennen, wie gut es ihr selbst und ihrer Familie geht. „Das war auch schon früher so, dass es mir ganz gut ging. Aber irgendetwas hat immer gefehlt und es gab damit auch einen Grund zum Jammern“, erzählt sie weiter. Die Tour durch den Kreis, der enge Kontakt zu Menschen, die alles hinter sich gelassen haben und in Deutschland eine neue Lebenschance suchten, habe alle ganz nah zusammen kommen lassen. Ein Erlebnis, das auch weiterhin trägt. „Auch nach der Tour halten alle untereinander Kontakt und suchen den Austausch und das Zusammenkommen“, erzählt sie. Und auch sie lerne ständig dazu. Die typisch deutschen Zweifel, bei überraschenden Besuchen nicht willkommen zu sein oder gar zu stören, die lege sie hoffentlich noch ganz ab. Sie habe bisher noch nie das Gefühl gehabt, bei Besuchen nicht willkommen zu sein.

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