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Regierungspräsidium fordert Rücksichtnahme: Zeltlager „ist kein Zoo“

Die Lage im Staffeler Zeltlager ist ruhig, aber nicht spannungsfrei. Informationen werden von Polizei und zuständigem Regierungspräsidium nur äußerst zurück- haltend weitergegeben. Am kommenden Dienstag dürfen Pressevertreter für eine Stunde auf das Gelände.
643 Flüchtlinge leben zurzeit im Zeltlager in Limburg-Staffel. Foto: NNP 643 Flüchtlinge leben zurzeit im Zeltlager in Limburg-Staffel.
Limburg-Staffel. 

Hunderte neue Nachbarn haben die Limburger auf einen Schlag bekommen, als Ende Juli das Zeltlager in Staffel errichtet wurde. Derzeit leben dort nach Auskunft des Regierungspräsidiums (RP) Gießen 642 Flüchtlinge vorwiegend aus Syrien, Afghanistan, Irak, Pakistan und Albanien. Wie lange die einzelnen Menschen in dem Staffeler Camp bleiben, bevor sie in dauerhafte Unterkünfte vermittelt werden – geplant waren ursprünglich wenige Tage – ist unklar. „Die Verweildauer wird nicht erhoben“, sagt dazu RP-Sprecherin Gabriele Fischer. Auch ob das Lager, wie vorgesehen, bis Ende Oktober oder noch darüber hinaus benötigt wird, ist offenbar nicht abzusehen. „Wir beabsichtigen, möglichst viele Menschen möglichst bald in feste Unterkünfte zu vermitteln. Daran arbeiten wir“, sagt Fischer. Das betont auch die Sprecherin des Hessischen Sozialministeriums, Esther Walter: „Zeltstädte sollen eine Übergangslösung sein. Und wir setzen alles daran, feste Unterkünfte für die Flüchtlinge zu schaffen.“ Derzeit würden insgesamt 80 Standorte und Liegenschaften in ganz Hessen geprüft, an denen laut Sozialministerium noch in diesem Jahr 13 000 feste Unterkünfte geschaffen werden könnten.

Ehrenamtliche Initiativen

Während in Limburg die Ehrenamtsagentur die Hilfe für Flüchtlinge koordiniert, gibt es auch in anderen Ortschaften im Landkreis ehrenamtliche Initiativen.

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Wie ihre neuen Nachbarn auf dem Gelände an der ICE-Strecke leben, können die Limburger unterdessen nur erahnen. Das etwa zwei Sportplätze große Areal ist durch einen doppelten Zaun mit Sichtschutz vor Blicken geschützt. Zugang haben außer den Flüchtlingen ausschließlich Personen, die vom RP unmittelbar mit deren Versorgung beauftragt wurden: Mitarbeiter von Malteser-Hilfsdienst und Rotem Kreuz, des Cateringunternehmens, das das Essen anliefert, sowie Sicherheitspersonal. Andere Interessierte wie Vertreter der Medien oder der Stadt hatten bislang keinen Zutritt zur Zeltstadt. Nicht einmal der Limburger Bürgermeister hat sie seit dem Einzug der Flüchtlinge von innen gesehen.

„Dazu haben wir uns entschieden, um die Menschen, die in unserer Obhut sind, zu schützen“, sagt Fischer. Auch Fotos von außen auf das Gelände seien nicht erwünscht. Wer dort mit Kamera entdeckt wird, den bittet das Sicherheitspersonal zu gehen. „Fotografieren ist hier in der Umgebung verboten“, lautet der Hinweis. Fischer relativiert: Es gebe kein Verbot, das Gelände von außen zu fotografieren. „Wir appellieren aber an das Verantwortungsgefühl der Journalisten“, sagt sie. Daher bitte das RP darum, Menschen, die im Lager leben, nur von hinten zu fotografieren oder deren Gesichter unkenntlich zu machen. „Viele von ihnen haben noch Verwandte in der Heimat. Es wäre nicht gut, wenn ihre Fotos im Internet auftauchen würden.“

Großzügige Sach- und Geldspenden für die Flüchtlinge Welle der Hilfsbereitschaft

Die enorme Hilfsbereitschaft vieler Limburger zeigt sich seit Bestehen des Flüchtlingslagers und hält an: Mehr als 200 Ehrenamtliche ließen sich als Helfer registrieren.

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Andererseits versteht Fischer das Interesse der Limburger daran, wie die Flüchtlinge in Staffel leben. Unter welchen Bedingungen schlafen und essen sie? Wie sieht es mit den sanitären Anlagen aus? Und wie klappt das Zusammenleben auf beengtem Raum? Das RP hat deshalb zugesagt, der lokalen Presse am kommenden Dienstag Einblick ins Camp zu gewähren. Bei einer einstündigen Führung sollen auch Gespräche mit Flüchtlingen möglich sein. Städtische Gremien in kleinen Gruppen und selbstverständlich auch der Bürgermeister können laut Fischer auf Antrag Zutritt erhalten. Es gebe allerdings sehr viele Anfragen. „Das ist kein Zoo“, gibt Fischer zu bedenken.

 

„Lernende Organisation“

 

Die Logistik im Camp läuft nach ihren Worten gut, wenn auch nicht immer reibungslos. „Wenn so etwas aus dem Boden gestampft wird, muss es sich erstmal einspielen“, sagt die RP-Sprecherin. „Wir sind eine lernende Organisation und versuchen, Anregungen umzusetzen.“ Anfangs habe es Probleme mit dem Essen gegeben. „Der Caterer hatte Rindswurst im Schweinedarm angeboten. Das ist natürlich ungeeignet für Muslime.“

Auch Konflikte unter den Bewohnern gibt es. Bei einigen Schlägereien und Körperverletzungen musste die Polizei bereits eingreifen, bestätigt der Leiter der Polizeidirektion Limburg-Weilburg, Jürgen Begere. Für ihn keine Überraschung: „Wenn 650 Personen unter solchen Umständen zusammenleben, dann fliegen auch mal die Fäuste – unabhängig von der Nationalität der Beteiligten“, sagt Begere. Abgesehen davon verzeichnet der Polizeichef „keinen signifikanten Anstieg“ bei den Straftaten im Umfeld des Lagers. Allerdings stammten in den vergangenen fünf Wochen immerhin zehn bis 15 Ladendiebe aus dem Flüchtlingscamp, schätzt Begere.

Nicolai Kauferstein, Geschäftsführer des Elzer REWE-Marktes, musste feststellen, dass die Zahl der Diebstähle in seinem Haus seit der Eröffnung des Flüchtlingslagers in der Nachbarschaft in Staffel angestiegen ist. In den letzten zwei Wochen habe er zehn Personen beim Klauen erwischt, von denen sieben Flüchtlinge gewesen seien. Von den im Markt auftretenden Diebstählen bemerke er aber schätzungsweise nur zehn Prozent. Teilweise habe er die Diebstähle bei der Polizei angezeigt, teilweise aus Zeitmangel aber auch nicht. Kauferstein stellte aber klar, dass alle Flüchtlinge prinzipiell willkommen seien. „Dass die Zahl der Diebstähle schon länger insgesamt zunimmt, hat auch ganz andere Gründe und liegt gewiss nicht nur an Flüchtlingen“, weiß der Marktleiter.

Darüber hinaus räumt Jürgen Begere von der Polizeidirektion Limburg-Weilburg ein, dass auch eine Sachbeschädigung auf einem Geschäftsgrundstück auf Lagerbewohner zurückzuführen sei. Ein Geschäftsinhaber habe mehrere junge Männer, die vor seinem Laden saßen, um per Handy im Internet zu surfen, seines Grundstücks verwiesen. Die hätten daraufhin seine Außenbeleuchtung demoliert.

Für besonders besorgniserregend hält Begere das Verhalten eines 20-jährigen Algeriers aus der Unterkunft, der vergangene Woche eine 15-Jährige in der Limburger Innenstadt sexuell belästigte (die NNP berichtete). Der Mann sei bereits zuvor im Lager und außerhalb durch Aggressivität und exzessiven Alkoholgenuss aufgefallen. Der 20-Jährige, der nach einem Aufenthalt in der forensischen Psychiatrie in Hadamar wieder in die Erstaufnahmeeinrichtung zurückgekehrt ist, sei „eine Problemperson, die wir im Auge behalten“.

 

Anweisung von oben

 

Die Limburger Polizei stehe in engem Kontakt mit den beiden Kollegen, die das Lager leiten. Außerdem kümmert sich laut Begere seit 1. September ein Sonderbeauftragter der Polizeidirektion Limburg-Weilburg um Straftaten im Zusammenhang mit Asylbewerbern. Er suche auch die Gewerbetreibenden im Umfeld des Camps auf, um mögliche Probleme aufzudecken und Straftaten vorzubeugen. „Mit 650 Personen ist in Staffel fast ein kleiner Stadtteil entstanden“, sagt Begere. „Es ist normal, dass es dort auch Straftaten gibt.“ Diese behandelt die Polizeidirektion mit besonderer Sensibilität – auf Anweisung von oben. Seine Dienststelle müsse jede Polizeimeldung mit Asylhintergrund mit dem Landespolizeipräsidium, einer Abteilung des hessischen Innenministeriums, abstimmen, bevor sie an die Medien gegeben werde.

(jub,rok)
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