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„Geschichte, die noch qualmt“

Hans-Jürgen Grasemann sprach über die DDR. Hans-Jürgen Grasemann sprach über die DDR.
Hadamar. 

Dr. Hans-Jürgen Grasemann hat keine „DDR-Vergangenheit“, aber die DDR hat ihn schon immer fasziniert. Nach seinem Jurastudium promovierte er mit einer Arbeit über das Verfassungsrecht der DDR. Später war er stellvertretender Leiter und Sprecher der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter, die die Verbrechen des SED-Regimes dokumentierte. Daher war der Oberstaatsanwalt a.D. in der Lage, dem Abiturjahrgang der Fürst-Johann-Ludwig Schule einen sehr umfangreichen Einblick in die deutsche Geschichte nach 1945 zu gewähren.

Ein Film über das Schicksal eines Geschwisterpaars diente ihm als Einstieg in das schwierige Thema. Die Flucht der beiden misslang und sie kamen ins Gefängnis, aus dem sie später durch die BRD freigekauft worden sind. Bis 1989 kaufte die Bundesrepublik rund 34 000 Gefangene aus den DDR-Gefängnissen frei. Zu Beginn zahlte die BRD für einen Häftling 40 000 DM, später bis zu 91 000 DM – eine gute Einnahmequelle für die DDR. Einige Schüler fragten, warum die BRD dieses „Menschenhandel-Gebaren“ der DDR unterstützt habe und indirekt die Wirtschaft dieses Staates angekurbelt habe. Grasemann gab zu Bedenken, dass die BRD das auch aus humanitären Gründen praktizierte und darauf hoffte, dass sich die Wirtschaft des deutschen Nachbarn stabilisieren würde.

Unverständlich für die Schüler waren auch die Gründe, aus denen die Menschen inhaftiert worden sind: Alleine der Gedanke an eine Flucht führte zu Haftstrafen, ebenso das Lesen falscher Bücher oder dem öffentlichen Erzählen von Witzen über die Partei, berichtete Grasemann. Alles, was die SED als staatsfeindlich ansah, habe sie mit Haftstrafen oder Zuchthaus bestraft. Dabei habe allein die Partei definiert, was staatsfeindlich sei und was nicht. In einem Rechtsstaat gebe es die Gewaltentrennung, es gebe ein unabhängiges Rechtssystem, Willkür gegenüber den einzelnen Menschen sei verboten. „Doch ein Unrechtsstaat lässt sich nicht definieren“, erklärte Grasemann. Es habe in der DDR keine unabhängige Rechtsprechung gegeben. „Was die Partei befahl, führten die Richter aus.“ Grasemann hatte ein Dokument zu einer Gerichtssache, das belegt, dass die Partei im Vorfeld den Richterspruch formuliert und eine Pressemitteilung verfasst hatte, in die am Ende nur noch Datum und Dauer der Haftstrafe eingefügt werden mussten. An diese Vorgaben hielten sich die Richter bei den Prozessen. „Von diesen Regieanweisungen der Staatssicherheit gibt es so viele, die zeigen, dass es keine wirkliche Rechtsprechung gab.“ Erschreckend war der Einblick, dass es bis 1981 203 Todesurteile in der DDR gab, von denen 166 vollstreckt wurden.

Großes Interesse hatten die Schüler an den Beweggründen der sogenannten IMs, der inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit, ihre Mitmenschen auszuspionieren. „Es gab vielleicht mal einen Blumenstrauß oder eine Uhr“, sagte Grasemann. Aber wirklich Geld habe es nicht gegeben. Anfangs habe die Stasi meist höflich nachgefragt, ob man nicht etwas über den Nachbarn erzählen könne, und die Menschen hätten sich geschmeichelt gefühlt. Man habe sich nie sicher sein können, wer wen bespitzelte. „Es war eine ständige Kontrolle des täglichen Lebens.“ Dass sich daher viele Menschen nach Freiheit sehnten, sei nur allzu verständlich gewesen.

Ihm sei bewusst, dass für die Schüler die DDR Geschichte sei, aber „es ist Geschichte, die noch qualmt“, sagte Grasemann. Es gebe noch immer Zeitzeugen, die mit dieser Vergangenheit leben müssten. Und daher sei es auch für ihn sehr wichtig, dass diese Geschichte nicht verschwiegen und nicht vergessen wird.

(lh)
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