Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Spielsucht-Serie der NNP: „Ich war der Zwei-Euro-Mann“

Von Im letzten Teil unserer Serie geht es erneut um Spielsucht, und zwar um einen jungen Mann, der inzwischen nicht mehr spielen muss, wenn er sich überfordert fühlt.
Foto: Federico Gambarini (dpa)
Limburg. 

Am Anfang hat er noch mit seinen Freunden gespielt. In dem Dorf, in dem er damals lebte, gab es keinen anderen Raum, in dem sie sich treffen konnten als den Billard-Schuppen. Dass dort auch ein Black-Jack-Automat stand, war eigentlich eher uninteressant. Aber irgendwann haben die jungen Männer versucht, den Jackpot zu knacken. Wie oft das geklappt hat, weiß Matthias Schmidt (Name von der Redaktion geändert) gar nicht mehr. Aber er weiß noch, dass er und seine Freunde damals eine Regel hatten: „Niemals mehr Geld reinstecken als im Jackpot ist.“

<span></span> Bild-Zoom

Rund 14 Jahre ist das inzwischen her. Matthias Schmidt ist heute 32 Jahre alt, und er hat sich nicht oft an diese Regel gehalten. Irgendwann hatte er alle Spielregeln vergessen. 80 000 bis 100 000 Euro hat Matthias Schmidt in seinem Leben verspielt. An manchen Abenden waren es fast 2000 Euro, er musste oft zum Bankautomaten gehen, um das Geld zusammenzubekommen. Rund fünf Jahre ist das her. Damals habe er auch schon mal an fünf Spielautomaten gleichzeitig gespielt. „Ich war der Zwei-Euro-Mann.“ Das heißt, er ist einen ganzen Abend im Kreis gelaufen und hat Geldstücke in die Automaten geworfen. „Pro Stunde kann man 80 Euro in einen Automaten stecken.“ Da kommt an einem Abend ganz schön was zusammen – an Verlusten.

Ums Gewinnen sei es ihm damals schon gar nicht mehr gegangen, sagt er. Eigentlich ging es ums Abschalten. „Wenn ich spielen konnte, war ich frei, einfach gedankenfrei.“ In der Spielhalle sei sein Kopf ganz leer, ganz leicht gewesen.

Am Anfang habe sein Geld noch fürs Spielen gereicht, sagt Matthias Schmidt. Er hat immer gut verdient. Und so war es auch kein finanzielles Problem, als er immer öfter allein spielte – ohne seine Freunde. Mit der Clique hatte er damals die Kneipe gewechselt, „da standen die größeren Automaten“.

Irgendwann war es dann so, dass seine Freunde am Tisch saßen und sich unterhielten, und Matthias saß vor den Automaten. „Meine Kumpels haben damals schon gesagt, dass das nicht normal ist.“ Aber dagegen machen konnten sie nichts.

Heute muss er nicht mehr spielen, wenn er Stress hat. Seit zwei Jahren ist Matthias Schmidt spielfrei. Im September 2013 kam sein Sohn auf die Welt, im Juli hatte ihm seine Frau gedroht, dass der Kleine ohne Vater aufwachsen werde, wenn er diesmal nicht wirklich mit dem Spielen aufhöre. Das hat geholfen. Seitdem redet er mit seiner Frau, wenn er Ärger in der Firma hat oder ihm alles zuviel wird. „Die Gespräche nehmen den Druck raus“, sagt Matthias Schmidt.

Aber er spricht nicht nur mit seiner Frau. Sein Chef weiß Bescheid über seine Spielsucht, die Eltern und die paar Freunde, die geblieben sind. Und er spricht mit Kristina Zirnsak, der Suchtberaterin beim Diakonischen Werk, wenn ihn etwas bedrückt, und natürlich redet er alle zwei Wochen in der Spielsüchtigen-Gruppe im Diakonischen Werk. „Es ist eine ganz große Hilfe zu hören, dass ich nicht der Einzige bin.“

Heute wisse er, dass die Beziehung zu seinem Vater der eigentliche Auslöser für die Spielsucht war. Sein Vater habe ihm nie etwas zugetraut. Mit dem Spielen habe er beweisen wollen, dass er es doch zu etwas bringt.

Er habe bis heute kein Verhältnis zu Geld, sagt Matthias Schmidt. Er habe immer ein gutes Auto gefahren, nicht die billigsten Klamotten getragen. Aber ansonsten sei er sparsam gewesen. „Ich war zu geizig, um acht Euro für eine Pizza auszugeben. Aber es war okay, an einem Abend 700 Euro zu verspielen.“ Und wenn sein Geld nicht reichte, dann lieh er sich etwas. Bei seinem Chef zum Beispiel, bei seinen Eltern, seinen Freunden.

Er sei ziemlich erfinderisch gewesen, wenn er erklären musste, warum er schon wieder Geld brauche. „Es lief auch eine Weile gut.“ Aber irgendwann kam er nicht mehr hinterher. „Wer am meisten Druck machte, bekam sein Geld.“

Irgendwann waren das Geld und die Freunde weg. Seine Frau war noch da. Als sie ihm kein Geld mehr geben wollte, hat er sie bestohlen. Und wenn das nicht reichte, ging er an den Geldautomaten – immer wieder, bis der kein Geld mehr hergab, schließlich kann man pro Tag nur 1000 Euro abheben.

Damit seine Frau nichts merkt, hatte er sich ein ausgeklügeltes System überlegt und regelmäßig Kontoauszüge vernichtet. Natürlich merkte seine Frau irgendwann, dass er wieder spielt. Erst gab es Diskussionen, dann hat sie die Kontoauszüge nach Hause bestellt, er musste seine EC-Karte abgeben, ein Haushaltsbuch führen. Seit sein Sohn auf der Welt ist, will er alles richtig machen. Und er will ein guter Vater sein. Seine EC-Karte hat er längst zurück. „Ich habe mir ihr Vertrauen erarbeitet.“

Um das ganze Geld sei es nicht schade, sagt Matthias Schmidt. „Am meisten bereue ich, dass ich alle betrogen habe: meine Frau, meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde.“

Zur Startseite Mehr aus Limburg

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse