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Schriftsteller Fritz von Unruh: „Mit neuen Augen sah ich die Toten“

Von „Menschen, Menschen – Bestien sind wir!“ heißt es in Fritz von Unruhs Werk „Opfergang/Verdun 1916“. Die Erkenntnis reift in den Gräben von Verdun. Dort lässt der Schriftsteller und Offizier die Männer um jeden Meter beim Kampf um eine Anhöhe hoffen und sterben. Es ist ein Werk in Auftrag gegeben von der Obersten Heeresleitung. Doch nach einer Lesung vor dem Generalstab wird es verboten. Erst 1919 wird es veröffentlicht.
In den Schützengräben in Verdun erlebte der Schriftsteller Fritz von Unruh den Irrsinn des Krieges. In den Schützengräben in Verdun erlebte der Schriftsteller Fritz von Unruh den Irrsinn des Krieges.
Diez. 

1970 ist der Schriftsteller Fritz von Unruh in Diez gestorben; er lebte dort auf dem Sitz seiner Familie. Geachtet und gewürdigt von der Grafenstadt, vergessen vom Rest der Republik. Dr. Wernfried Schreiber, der 2011 verstorbene langjährige Vorsitzende der evangelischen Kirchengemeinde Limburg und Oberstudienrat, vermutet in seinem 2010 erschienenen Buch einen heimlichen Boykott.

Fritz von Unruh. Bild-Zoom
Fritz von Unruh.

„Emigranten haben nicht heimzukehren“, zitiert Literaturprofessor Dr. Manfred Durzak Günther Grass. Dass der „große Schriftsteller und engagierte Republikaner“ von Unruh nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland vergessen wurde, hat für Durzak damit zu tun, dass der Künstler Deutschland 1933 verlassen musste und seine Bücher von den Nazis verboten wurden. Hektischer Wiederaufbau nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, Vergessenmachen von Krieg und Zerstörung und Restauration als Verdrängung der Schuldzusammenhänge, in die man selbst verstrickt gewesen ist.

Das ist die Mixtur, gegen die Unruh nicht ankam, die den in der Weimarer Republik so erfolgreichen Schriftsteller, der auf allen großen Bühnen gespielt wurde, zur Randfigur werden ließ. Hinzu kommt nach Einschätzung von Durzak noch, dass alle aufrüttelnden Warnungen des Schriftstellers eingetreten sind. Und die Anerkennung des Warners wäre auch ein Schuldeingeständnis gewesen.

 

„Das Pathos blieb“

 

Dass das Werk von Unruh heute so in Vergessenheit geraten ist und er nach dem Zweiten Weltkrieg nie mehr an die früheren Erfolge anknüpfen konnte, hängt für Dr. Ulrich Theuerkauf, langjähriger Leiter der Stadtbibliothek in Koblenz, dagegen vor allem mit dem Stil zusammen. Von Unruh ist Vertreter des Expressionismus. Er blieb diesem Stil sein Leben lang treu. „Das Pathos blieb, sein Stil blieb, und er hat erwartet, dass man sich nach ihm richtet“, sagt Theuerkauf, der sich intensiv mit dem Werk und der Person auseinandergesetzt hat.

Das hat seinen Grund, denn von Unruh ist ein „großer Sohn der Stadt Koblenz“, wo er am 10. Mai 1885 als Sohn des preußischen Oberstleutnants (und späteren königlich-preußischen Generals) Karl von Unruh und seiner Frau Mathilde geboren wurde. „Von Unruh ist ein Vorbild in seinen Zielen und von seinem Charakter“, lässt Theuerkauf keinen Zweifel aufkommen, doch hinsichtlich seines Stils und seines Verständnisses von Kunst habe er sich deutlich überlebt.

 

Härte, Zucht und Zwang

 

In der Familie von Unruh, deren ritterliche Vorfahren zu denen gehört haben sollen, die 814 das „Testament Karls des Großen“ unterzeichnet haben, waren die beruflichen Wege der Söhne vorgezeichnet: Es galt, militärische Laufbahnen einzuschlagen. Für Fritz von Unruh bedeutete dies, im zehnten Lebensjahr das militärische Internat in Plön in Holstein zu besuchen. Härte, Zucht und Zwang bestimmten in den nächsten Jahren sein Leben. In seiner 1948 in der Frankfurter Paulskirche gehaltenen „Rede an die Deutschen“ aus Anlass des 100. Jahrestags der Paulskirchen-Versammlung 1848, beschreibt von Unruh das Kadettenkorps als Urmodell des späteren Konzentrationslagers.

In Plön war der junge Fritz von Unruh Mitschüler der Kaisersöhne August Wilhelm und Oskar. Mit ihnen absolvierte er 1906 das Abitur. Anschließend führte der Weg nach Berlin, wo von Unruh als Leutnant ins Kaiser-Franz-Garderegiment aufgenommen wurde. Nach Angaben von Theuerkauf kam es infolge einer Ischias-Erkrankung dann zu einer Dienstunfähigkeit, die von Unruh dazu nutzte, Vorlesungen an der Universität in Berlin zu besuchen. Zudem nahm er das Schreiben wieder auf, nachdem es erste Versuche bereits in der Kadettenanstalt gegeben hatte. Unter dem Pseudonym Fritz Ernst wurden diese Versuche sogar im „Plöner Wochenblatt“ abgedruckt, allerdings wurde der junge Dichter ausfindig gemacht und vor der angetretenen Kompanie „abgekanzelt“.

Unter dem Pseudonym Fritz Ernst verfasste von Unruh 1908 sein erstes Drama über den Lübecker Rebellen „Jürgen Wullenweber“, das in Detmold uraufgeführt wurde. Der Kontakt zu den Kaisersöhnen blieb bestehen und wurde sogar „karrierefördernd“. Zum einen machte August Wilhelm den Direktor der Deutschen Theaters in Berlin, Max Reinhardt, auf den jungen Künstler aufmerksam. Und zudem fungierte August Wilhelm als Art Schutzpatron für den jungen Schriftsteller. Sein zweites Drama „Offiziere“ veröffentlichte er unter seinem richtigen Namen. Das Werk griff ein zeitgenössisches Thema (Kämpfe der Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika) auf, war keineswegs antimilitaristisch und versuchte, „im Soldaten den Menschen zu retten“.

 

Freiwillig in den Krieg

 

Das Stück war ein voller Erfolg, und der junge Schriftsteller wurde mit Lob überschüttet. Allerdings bedeutete dies auch das Ende der militärischen Karriere – von Unruh musste seinen Dienst als Offizier quittieren. Auf der Welle des Erfolgs schrieb von Unruh gleich sein nächstes Drama: „Louis Ferdinand, Prinz von Preußen“, in dem er den alten Widerstreit zwischen Gesetz und Pflicht, Befehl und Gehorsam neu aufleben lässt. Der Vergleich zu Kleist stellte sich ein („Prinz Friedrich von Homburg“). Auch wenn die Handlung und die Personen „historisch“ sind, der Schlusssatz des Dramas: „Sucht Preußen! Es gibt keine Preußen mehr!“ war durchaus in die aktuelle Zeit zu übertragen. Und Kaiser Wilhelm II. verbot die Aufführung des Stücks. Er nutzte dazu eine Verordnung, wonach ein Vertreter der Hohenzollern nur mit Erlaubnis des Königs auf die Bühne gebracht werden durfte. Nach dem Krieg wurde „Louis Ferdinand, Prinz von Preußen“ zu einem der meist gespielten Stücke auf den deutschen Bühnen.

„Opfergang“

Das Werk von Fritz von Unruh und der Frankfurter Societäts-Verlag, in dem auch diese Zeitung erscheint, sind eng miteinander verbunden.

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Auch wenn Fritz von Unruh 1911 der militärischen Laufbahn entsagt hatte, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete er sich als Freiwilliger und ritt als Ulan in den Krieg. Nach nur wenigen Wochen schreibt er im Oktober das Gedicht „Vor der Entscheidung“. Für Wernfried Schreiber ist es die erste Absage an den Krieg, Theuerkauf hingegen sieht in dem Gedicht noch die Vorstellung vom Krieg als „Weg zu einem befreiten Dasein“.

Sein nächstes Werk „Opfergang“ wird ein klares Antikriegsbuch. In vier Kapiteln schreibt von Unruh über das Schicksal einer Kompanie vor Verdun. Alle Menschlichkeit geht in den Gräben verloren, die Menschen werden zu Bestien – und das alles wegen eines Geländegewinns von ein paar Metern. Das Werk ging offenbar in Abschriften durch die Gräben und wurde im Hauptquartier durch von Unruh auch vorgelesen – im Beisein von Kronprinz August Wilhelm.

Der große Krieg

Mit der heutigen Folge setzen wir unsere Reihe an Veröffentlichungen zum Ersten Weltkrieg nach einer Pause fort. Alle bisher in der NNP und ihren Schwesterausgaben erschienenen

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Die ungeschminkte Darstellung der Kriegsgräuel führt den Autor nach Darstellung von Ulrich Theuerkauf vor ein Kriegsgericht. Dort soll ein General von Schenck eine Verurteilung verhindert haben, und der Fürsprache von Kronprinz August Wilhelm sei es zu verdanken, dass Fritz von Unruh nicht in eine sogenannte Todeskompanie abkommandiert wurde. Ironie des Schicksals, dass der Künstler, der mit Preußen und dessen militärische Tradition bricht, immer wieder auf seine guten Kontakte in die Führungsschicht zurückgreifen kann oder muss.

Weiter im Dienst wurde von Unruh noch 1916 auf einer Fernpatrouille vom Pferd geschossen. Verwundet und allein zurückgelassen verlor er sein Bewusstsein. Französische Soldaten nahmen dem vermeintlich Toten Waffen und Uniform ab. In seinem Stück Autobiographie von 1931 stellt Fritz von Unruh unter dem Titel „Quo vadis?“ das Grauen dieser Situation als Schlüsselerlebnis seiner Wandlung zum Pazifisten dar: „Dort blieb ich liegen, vom Schlaf überwältigt. Als es grau wurde, erwachte ich und hörte es neben mir hämmern. Nach aufmerksam langem Beobachten merkte ich – es war mein Herz, das so klopfte. Im Dämmerlicht richtete ich mich auf. – Ich hatte auf einer Leiche geschlafen, einem französischem Jäger . . . Ich fror. Der Rausch war dahin. Schwindel und Übelkeit schüttelten mich.“ Und später schreibt er: „Mit neuen Augen sah ich nun die Toten im Feld – hörte ich die Schreie der Sterbenden – senkte ich meinen gefallenen Bruder hinab in die Grube.“

 

Ein Feind der Nazis

 

Im Juli 1916 erhielt Fritz von Unruh Genesungsurlaub und kehrte wegen einer Nervenkrankheit nicht mehr an die Front zurück. Nach Angaben von Ulrich Theuerkauf hielt er sich zur Erholung in der Schweiz auf und lernte in Zürich einen pazifistischen Kreis um Harry Graf Kessler, Paul Cassirer und René Schickele kennen. Nach Einschätzung Theuerkaufs hat noch ein weiteres Erlebnis die Hinwendung von Fritz von Unruh zu einem radikalen Pazifisten maßgeblich beeinflusst: der Einsatz von Maschinengewehren gegen Zivilisten in den Straßen Berlins während der Novemberrevolution.

Zahlreiche Preise

Fritz von Unruh, geboren am 10. Mai 1885 in Koblenz, gestorben am 28. November 1970 in Diez, erhielt folgende Preise und Auszeichnungen: 1915 Kleist-Preis für „Prinz Louis

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Nach dem Krieg wird von Unruh zu einem der erfolgreichsten Autoren der Weimarer Republik. Viele Ehrungen und Preise wurden ihm verliehen, er hielt die Gedenkrede auf den am 24. Juni 1922 von ehemals kaiserlichen Offizieren ermordeten Walter Rathenau, musste miterleben, wie die Nationalsozialisten schon vor der Machtübernahme gegen ihn Stimmung machten und die von Nazis dominierte Frankfurter Stadtverordnetenversammlung das 1927 ausgesprochene Wohnrecht auf Lebenszeit im Rententurm 1932 widerrief. Im Kino in Genua sah Fritz von Unruh, wie seine Bücher am 10. Mai 1933 in Brand gesteckt wurden. Er wurde aus der Preußischen Akademie für Dichtung ausgeschlossen, zog nach Frankreich und später nach Spanien. Erst nach Kriegsbeginn floh von Unruh mit seiner Frau in die USA, wo Albert Einstein das Ehepaar aus dem Lager der unerwünschten Flüchtlinge erlöste.

1948 kehrte Unruh nach Deutschland zurück, hielt in der Paulskirche seine Rede an die Deutschen, erhielt den Wilhelm-Raabe-Preis (1946) und den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (1948), wurde Ehrenbürger von Diez (1948). In der Grafenstadt bewohnte er das von der Mutter vermachte Gut Oranien und geriet als Schriftsteller in Vergessenheit.

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