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„Saul“ in Weilburg: Einfach hinreißend

Mord und Totschlag, Geister und Erotik – das Oratorium Saul von Georg Friedrich Händel wurde in der Weilburger Schlosskirche in wundervolle Musik gesetzt.
Die Akteure des Oratoriums wurden gefeiert.	Foto: Zimmermann Die Akteure des Oratoriums wurden gefeiert. Foto: Zimmermann
Weilburg. 

Die Geschichte handelt von Mord und Totschlag, kommt da doch einer mit dem abgeschlagenen Haupt eines Feindes in der Hand zum König und wird dafür vom Volk gefeiert, doch darum allein geht es nicht, auch nicht bloß um kriegerische Auseinandersetzungen von feindlichen Völkern, sondern mehr noch um Vater-Sohn-Konflikte, homoerotisch angehauchte Freundschaft, um Verrat, Versöhnung und Treue, um Heldentum, Verzweiflung, Glück, Triumph und Familienzwist, um Schönheit, Geister und Hexen, um Sangeskunst, Liebe, Erotik und Liebesschwüre. Eine Geschichte, ideal geeignet für ganz große Oper, vielleicht sogar für opulente Hollywoodfilme mit Starbesetzung – so scheint es. Doch es handelt sich hier um geistliche (!) Musik, um das Oratorium „Saul“, das die Geschichte von König Saul, dessen Sohn Jonathan und David erzählt. Während der Vater vom Neid auf David zerfressen wird, freundet sich Jonathan mit David an, der eine Tochter Sauls, Michal, zur Frau bekommt und später, nach dem Tod von Saul und Jonathan, als König Israels Saul auf dem Thron folgt. Georg Friedrich Händel (1685 – 1759) hat diese hoch emotionale, dramatische Erzählung aus dem Alten Testament als sein op. 53 – durchaus von seinem langjährigen Opernschaffen inspiriert – in wundervolle Musik gesetzt. Und in was für welche!

Und in welch großer Qualität wurde sie in der Weilburger Schlosskirche zum Klingen gebracht! Daran beteiligt waren unter der Leitung von Kantorin Doris Hagel die allesamt renommierten Solisten Klaus Mertens (Bass/Saul), Hans Jörg Mammel (Tenor/Jonathan), Franz Vitzthum (Altus, Countertenor/David, äußerst kurzfristig für die erkrankte Altistin Anna Haase eingesprungen), Mechthild Bach (Sopran/Merab, Tochter Sauls), Monika Mauch (Sopran/Tochter Sauls, Davids Frau), Sebastian Hübner (Tenor/Feldherr Abner, Hohepriester, Amalekiter), das eloquent aufspielende Orchester „Capella Weilburgensis“ sowie nicht zuletzt die sich in Hochform präsentierende Schlosskirchen-Kantorei, aus deren Reihen Carsten Siedentop als Geist des Samuel und Bernard Weese als Doeg kurze Auftritte absolvierten, die sie gekonnt mit Solistenpartnern gestalteten. Mit den Sinfonien eingangs der ersten beiden Akte als schwungvoller Auftakt wie auch eingestreut in die andern Akte als reflektierende Pausen, einmal sogar mit Carillon (Glockenspiel), demonstrierte die Capella Weilburgensis kräftig-flexibles Spiel mit großem Nuancenreichtum in Dynamik und Klanggestalt.

Traumhaft schön

Das zeigte sich besonders eindrucksvoll im Trauermarsch des dritten Aktes. Dieses fast überirdisch schöne Stück mit den Sätzen Grave und Largo e staccato gelang dem Orchester schlichtweg traumhaft schön. Darüber hinaus war es den Solisten ein einfühlsamer, präziser Begleiter. Klaus Mertens mit dunklem Bass-Timbre überzeugte mit der genauen, sehr sanglichen Darstellung der zerrissenen Gefühlswelt König Sauls, bestehend aus Neid, Rachegefühlen, falscher Freundlichkeit und Jähzorn. Am eindrucksvollsten gelang ihm das im Dialog mit Jonathan, als dieser Saul seine Freundschaft zu David bekennt und Saul ihn daraufhin mit harschen Worten verstößt, sowie im verzweifelten Anflehen der Hexe. Hans Jörg Mammel gestaltete den Jonathan mit szenischem Gestus in Stimme und Gebärde, mit schöner, warmer Tenorstimme, die mit feinen Nuancen gefiel. So sehr nachhaltig im Selbstgespräch „O heilige Kindespflicht“ die Zerrissenheit zwischen Gehorsam gegenüber dem Vater und der Freundespflicht für David darstellend. Ungewohntes klangliches Kolorit steuerte Franz Vitzthum als David mit seinem Altus bei, volltönend und warm bis in die höchsten Höhen. Sehr innig seine Arie, als Gebet gegeben, „O king, your favors with delight“ (O Herr, dein Lohn erfüllt mich mit Glück), flehend dann die Bitte an Gott um Vergebung für Saul in „O Lord, whose mercies are numberless“ (O Herr, des Güte endlos ist). Mit Monika Mauch als Davids Braut gelang ein wunderbar stilles, lyrisch-intimes Liebesduett im zweiten Akt „How well in thee“ (Wie wird nun freundlich vom Geschick mein Leid zu Glück). Monika Mauch als Michal bestach mit hellem, klarem, strahlendem Sopran, beispielsweise in der ausdrucksstarken Auseinandersetzung um David mit Merab, ihrer Schwester, gesungen von Mechthild Bach mit rundem, vollen Sopran, der kraftvoll unangestrengt auch in den hohen Lagen glänzte. Mitreißend ihre Arie „Capricious man“ (Betörter Mann), in der Merab den Hass ihres Vaters Saul charakterisiert. Sebastian Hübner überzeugte in verschiedenen Szenen mit unterschiedlichen Rollen, denen er mit seinem schönen, runden und geschmeidigen Tenor individuelles Gepräge gab. Nicht zuletzt aber glänzte die Schlosskirchen-Kantorei in großer Besetzung mit einer hörenswerten Darbietung und feiner, differenzierter Klangkultur. Mit großem Gestus der Eingangschor, in dem Männer- und Frauenstimmen zu einem runden Ganzen verschmolzen, das präzise am Ende des Aktes wiederholt wurde, hell und klar die Frauenstimmen im „Chor der Frauen“, der den heimkehrenden David überschwänglich begrüßt: „Welcome, welcome, mighty king“. Sehr präsent in den kurzen Einwürfen wie „Preserve him“ (Schütze ihn), der Bitte um Schutz für David mit sehr warmem, abgerundeten Klang und nuanciertem, feinstem Crescendo. Große Auftritte im letzten Akt beim „Duett“ mit David in der Klage um Saul und dann mit bezwingendem Elan, begleitet von der auftrumpfenden Capella Weilburgensis, der Schluss-chor im mächtigen Forte „Gird on thy sword“, gürt um dein Schwert, der Lobpreis auf den neuen König David, das komplexe, vergangene Geschehen in einem Lobpreis zusammenfassend, der in die Zukunft weist. Ovationen für alle Beteiligten.

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