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„Stimme gegen den Hass erhoben“

Wenn mehr als zehn Laudatoren etwas sagen wollen, dann wird es schnell langweilig. Nicht so bei Christa Pullmann – denn die 75-Jährige hat in ihrem Leben so viel geleistet, dass es für jeden genug Erzählstoff gab. Am gestrigen Mittwoch hat sie für ihren Einsatz zur Verständigung von Christen und Juden das Bundesverdienstkreuz bekommen.
Regierungspräsident Dr. Lars Witteck überreicht Christa Pullmann das Bundesverdienstkreuz.	Foto: Hopperman Regierungspräsident Dr. Lars Witteck überreicht Christa Pullmann das Bundesverdienstkreuz. Foto: Hopperman
Limburg. 

Christa Pullmann ist im Jahr 1939 geboren worden. „In Europa herrschte Krieg und Sie sind darin aufgewachsen – eine der dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte“, sagte Regierungspräsident Dr. Lars Witteck bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Christa Pullmann in der Leo-Sternberg-Schule.

In ihrem Geburtsjahr habe Hitler vor dem Reichstag die Vernichtung Menschen jüdischen Glaubens in Europa gefordert. „Wichtig aber ist: Was macht diese Erfahrung mit den Menschen? Christa Pullmann wollte nicht in einer Welt leben, die von Hass bestimmt ist, sondern in einer Welt der Aussöhnung und des friedlichen Miteinanders“, sagte Witteck. Ihr Engagement für die Verständigung von Christen und Juden sei beispielgebend. Dafür verlieh er Christa Pullmann gestern das Bundesverdienstkreuz.

Tränen wegen Auschwitz

Rund 80 Gäste – Politiker, Geistliche dreier Religionen, Lehrer und auch ganz normale Bürger – hatten sich in der Schule eingefunden, in der Pullmann bis zu ihrer Pensionierung unterrichtet hatte. „Auch heute flammen noch erschreckend viele anti-jüdische Ressentiments in Deutschland auf. Es ist wichtig, dass die Stimme gegen den Hass erhoben wird“, sagte Witteck. Pullmanns Engagement würdigten auch Landrat Manfred Michel, Bürgermeister Martin Richard (beide CDU) und der Runkeler Bürgermeister Friedhelm Bender (SPD).

Der Holocaust, Israel, Juden – das zieht sich wie ein roter Faden durch Christa Pullmanns Leben: Sie habe als 14-Jährige zum ersten Mal über das Konzentrationslager Auschwitz gelesen und geheult „wie ein Schlosshund“, sagte sie der NNP. Mit ihren Eltern habe sie nie darüber gesprochen. Das sei die damalige Zeit gewesen: „Der Wiederaufbau stand an erster Stelle. 1958 habe ich Abitur gemacht, da haben wir die Nazi-Zeit nicht einmal durchgenommen“, sagt sie.

Neun Jahre später fuhr sie zum ersten Mal nach Israel. „Ich wollte wissen, wie das Leben im Kibbutz funktioniert – mit Menschen, die aus Deutschland fliehen mussten. Ärzte, Anwälte, Buchhändler, die mit zehn Reichsmark ausgewandert waren und jetzt in der Landwirtschaft tätig waren“, sagt sie.

Zurück von einer Israel-Reise schloss sich Pullmann einem neuen christlich-jüdischen Arbeitskreis in Limburg an. Dort erfuhr sie von den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit und gründete 1992 die Gesellschaft in Limburg, deren Vorsitzende sie noch heute ist. Ein erster Erfolg: „Die jüdische Gemeinde sagt heute, nur durch mich ist sie überhaupt in Limburg gegründet worden.“

Die Mitglieder kommen alle aus ehemaligen Staaten der Sowjetunion. „Mich hat es zutiefst erschüttert, wie die Nazis alle Juden vertrieben haben“, sagt Pullmann, die auch Geschichte studiert hat. Vor dem Krieg habe es in Limburg eine jüdische Gemeinde gegeben. „Deshalb war es mir wichtig, wieder eine aufzubauen“, sagt sie.

Gleichzeitig war sie hauptberuflich Lehrerin, unter anderem für evangelische Religion und Ethik, und auch in der Leo-Sternberg-Schule sehr engagiert. Der Name der Schule geht zurück auf einen Limburger Juden, auch dafür hat Pullmann sich eingesetzt.

Besonders die Arbeit mit Jugendlichen lag der 75-Jährigen immer am Herzen. Seit fast 25 Jahren unterstützt sie die Aktion „Ferien vom Krieg“, bei der gemeinsame Freizeiten für Kinder und Jugendliche aus den verfeindeten Regionen der Balkan- und Nahoststaaten organisiert werden. Außerdem arbeitete sie mit Schülern die Lebensgeschichte zweier ehemaliger jüdischer Runkeler Bürger auf und setzte sich für eine Kooperation mit der Christian-Spielmann-Schule in Runkel ein, die die Patenschaft für die Pflege des jüdischen Friedhofs der Stadt Limburg übernommen hat.

Aber ihr ist vor allem der Kontakt zu den Menschen wichtig: Sie hat ehemalige Limburger Juden aufgespürt und sie wieder nach Limburg gebracht. „Als Lothar Liebmann zum ersten Mal zurück nach Limburg kam, hatte er einen Herzanfall nach all dem Schrecken, der ihm widerfahren ist, mittlerweile beschreibt er es wieder als seine Heimat“, sagt sie.

Pläne für 20 Jahre

Solche Geschichten machen sie stolz, aber Christa Pullmann hat „es nicht nötig, sich feiern zu lassen“, sagte Witteck. Deshalb sucht sie sich lieber neue Projekte und engagiert sich zum Beispiel besonders in der jüdischen Gemeinde in Limburg. Sie organisiert Ausstellungen und Konzerte jüdischer Künstler sowie Veranstaltungen mit Zeitzeugen und ehemals in Limburg ansässigen jüdischen Mitbürgern aus Israel, Polen und den USA. Und sie hilft der jüdischen Gemeinde, denn alleine mit der Gründung war es nicht getan: „Im persönlichen Austausch ist die jüdische Gemeinde sehr offen, aber auch zurückhaltend. Wir sind dann Vermittler und dazu da, Ängste abzubauen“, sagt sie. Den Kontakt zu anderen Religionen will sie weiter ausbauen. Ihr neuester Erfolg: ein erster offizieller Besuch der evangelischen Gemeinde zum jüdischen Neujahrsfest.

An Aufhören denkt Christa Pullmann noch lange nicht: „Ich habe mindestens noch Pläne für die nächsten 20 Jahre“, sagt sie.

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