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Projekten im Öffentlichen Nahverkehr: „Die Tangente ist unverzichtbar“

Der in Bad Soden wohnende Wilfried Staub ist einer der profiliertesten Experten für den öffentlichen Nahverkehr im Main-Taunus-Kreis. Lange gehörte er dem Fahrgastbeirat des RMV an, nach wie vor ist er Sprecher des Fahrgastverbandes „Pro Bahn“ in Hessen. Unser Reporter Manfred Becht sprach mit ihm über aktuelle Projekte im Kreis und in der Region.
Wilfried Staub ist Sprecher des Fahrgastverbandes „Pro Bahn“ und häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Er sprach mit Kreisblatt-Reporter Manfred Becht unter anderem über den Busverkehr, über die Wallauer Spange und die Regionaltangente West (RTW). Foto: Knapp Wilfried Staub ist Sprecher des Fahrgastverbandes „Pro Bahn“ und häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Er sprach mit Kreisblatt-Reporter Manfred Becht unter anderem über den Busverkehr, über die Wallauer Spange und die Regionaltangente West (RTW).
Main-Taunus. 

Herr Staub, es gibt gerade viele Nachrichten über Fortschritte beim Bahnverkehr. Von neuen Fahrzeugen für die Bahnstrecken im Taunus bis zu billigeren Tickets in Frankfurt. Kommt das jetzt tatsächlich alles einmal richtig voran?

WILFRIED STAUB: Sie haben Recht. Ich bin auch wirklich überrascht und „Pro Bahn“ ist angetan von den vielen Verbesserungen. Lange ist wenig passiert und jetzt so vieles gleichzeitig. Ich erinnere an den viergleisigen Ausbau der S-Bahn nach Friedberg, an die nordmainische S-Bahn, den Ausbau der Kinzigtalbahn, die Regionaltangente West, die S-Bahn bis Usingen, an mehrere Maßnahmen zur Entflechtung des Verkehrs im Frankfurter Hauptbahnhof, Stichwort Homburger Damm.

Von diesen Projekten berührt ja die RTW unseren Main-Taunus-Kreis. Ist das der große Wurf für den Westen des Rhein-Main-Gebietes?

STAUB: Der große Wurf ist es nicht unbedingt, zum Beispiel auch deshalb nicht, weil die ideale Trasse unvernünftiger Weise trotz vorliegender Entwürfe zugebaut wurde. Ich nenne als Beispiele nur den Industriepark Höchst, Eschborn oder die Internationale Schule in Praunheim. In Sossenheim hat eine Bürgerinitiative die optimale Lösung verhindert. Aber wir müssen unbedingt mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene bringen, und da ist die RTW letztlich unverzichtbar. Die Flügelung nach Bad Soden bedeutet, dass diese Bahn auch für den Main-Taunus-Kreis ein Gewinn ist. Diese Idee geht übrigens auf einen Vorschlag von „Pro Bahn“ zurück, wie auch die Trassierung im Bahnhof Höchst.

Stichwort Bürgerinitiative. Am Bürgerprotest scheitern ja nicht nur manche Baugebiete, sondern auch Verkehrsinfrastrukturprojekte. Sollte die öffentliche Hand da entschiedener vorgehen?

STAUB: Ja und nein, wir leben in einen Rechtsstaat, und das soll auch so bleiben. Verhältnisse wie in China, wo Leute entschädigungslos enteignet werden, wollen wir nicht. Die Bürger sollten aber einfach mehr auch das Gemeinwohl im Auge behalten. Oft gewinnt man den Eindruck, dass es Widerstand nur deshalb gibt, weil sich einzelne Akteure profilieren wollen. Wo es in Hessen fehlt, ist eine übergeordnete koordinierende Stelle mit Sachkompetenz.

Was sind denn die Wünsche für den Ausbau des Bahnverkehrs in der Region?

STAUB: Mir fällt da tatsächlich zuerst einiges ein, was wir schon lange auf unserer Wunschliste haben und inzwischen verwirklicht wurde oder in Bälde wird. Die Nachtbusse gibt es. Das Seniorenticket gibt es, auch wenn es beim RMV unverhältnismäßig teuer ist. Frankfurt hat in diesem Punkt gerade erfreulicherweise nachgesteuert. Ein großer Wurf ist dem RMV mit der hessenweiten Clever-Card gelungen, eine langgehegte Forderung von „!Pro Bahn“ mit kreisweiter Gültigkeit. Der 24-Stunden-Betrieb bei den S-Bahnen und der einiger Straßenbahnlinien sind ebenfalls beschlossene Sache.

Dann kann man „Pro Bahn“ ja auflösen, wenn es keine Wünsche mehr gibt.

STAUB: Wir blicken gerade auf 25 Jahre erfolgreiches Wirken zurück und wollen uns auch im nächsten Vierteljahrhundert für die Belange der Fahrgäste einsetzen. Es gibt noch zahlreiche Wünsche und Vorschläge für Verbesserungsmöglichkeiten. Nehmen wir zum Beispiel der RMV-Smart-Tarif. Da müssen im zweiten Anlauf zahlreiche Korrekturen vorgenommen werden. Wir haben zudem gewisse rechtliche Bedenken, wenn man bestimmte Bevölkerungsgruppen von preiswerten Tarifmodellen ausschließt.

Wie schätzen Sie denn das Projekt Wallauer Spange ein? Bekommen die Wallauer ihren Haltepunkt?

STAUB: Die Wallauer Spange fordern wir schon seit dem Bau der Neubaustrecke nach Köln. Der Wunsch nach einem eigenen Haltepunkt ist durchaus nachvollziehbar. Aber angedacht ist eine schnelle Verbindung zwischen Wiesbaden, dem Flughafen und Darmstadt für den Hessen-Express. In Zuge dieser Maßnahme ist eine Anbindung Wallaus aus betrieblichen Gründen und wegen des leider negativen Kosten-Nutzen-Quotienten leider kaum realisierbar.

Wechseln wir mal von den Bahnen in die Busse. Nachdem neue Betreiber zwei Drittel Leistungen im Dezember im Kreis übernommen haben, gab es ein großes Chaos. Wie ist die Situation jetzt?

STAUB: Nach meinem Eindruck funktioniert inzwischen alles im Großen und Ganzen reibungslos. Abgesehen von ganz vereinzelten Komplettausfällen liegen uns keine Beschwerden mehr vor. Man muss allerdings sagen, dass wir im Main-Taunus-Kreis durch die HLB (Hessische Landesbahn) über viele Jahre auch sehr verwöhnt sind.

Und sonst keine Wünsche zum Busverkehr?

STAUB: Doch, ich habe absolut kein Verständnis dafür, dass die Einhaltung der Pünktlichkeit der MTV-Busse absolute Priorität vor der Garantie der Reisekette haben soll – ein Diktum, das Verkehrswissenschaftler im ersten Semester beigebracht wird. Es gilt das Gebot – und darauf haben Fahrgäste einen Anspruch –, dass Verkehrsmittel in gewissem Rahmen auf verspätete Anschlüsse warten müssen.

Die MTV argumentiert, dass die Busse pünktlich sein müssen, damit die Fahrgäste andere Anschlüsse nicht verpassen.

STAUB: Nehmen wir als Beispiel den Bus 803 (MTZ – Bad Soden – Königstein). Er hat am Bahnhof in Bad Soden bis zu 40 Umsteiger. An seinem nächsten Umsteigehalt in Königstein sitzen davon vielleicht noch drei Fahrgäste im Bus und bis zur Rückfahrt bleiben ausreichende 25 Minuten Puffer. Die Wartezeit auf eine verspätete S 3 von fünf Minuten hat zehn Jahre bei der HLB hervorragend geklappt. Warum sollte das bei unverändertem Fahrplan bei Transdev nicht mehr möglich sein?

Im leider stillschweigend aufgelösten Fahrgastbeirat bei der MTV wurde uns vor 15 Jahren das Konzept der Dynamischen Anschluss-Sicherung vorgestellt. Im Main-Taunus-Kreis warten wir immer noch auf die aus Fahrgastsicht bedeutsame Realisierung.

Was sagen sie denn zu den neuen Schnellbussen von Hofheim zum Flughafen und von Bad Homburg durch das Kreisgebiet nach Wiesbaden?

STAUB: Der Betrieb läuft deutlich reibungsloser, als ich das bei dem langen Laufweg des X 26 befürchtet hatte. Ich habe sogar das Gefühl, dass durch dieses Angebote neue Fahrgäste für den ÖPNV gewonnen werden konnten. Insgesamt ist das eine lobenswerte Sache, und ich begrüße auch, dass das Konzept ausgeweitet werden soll.

Welche Themen stehen sonst an?

STAUB: Generell monieren alle Nutzer des RMV seit Jahren die hohen Tarifsprünge zwischen den einzelnen Preisstufen, vor allem bei Fahrten über Kreisgrenzen. Auch hier hat der RMV aber eine Lösung durch die Erhöhung der Anzahl der Zonen für die nächsten zwei Jahre in Aussicht gestellt. Es kann auf Dauer doch nicht angehen, dass man ab Jahreswechsel für 2,75 Euro durch ganz Frankfurt fahren kann, aber für eine Station hinter der Stadtgrenze und drei Minuten mit dem Bus ins MTZ 4,90 Euro berappen soll?

Gar keine weiteren Wünsche?

STAUB: Nun, überfällig wäre zum Beispiel, alle Bahnstationen nach dem Vorbild Eppsteins barrierefrei auszubauen. Negativbeispiele sind Niederhöchstadt und Lorsbach, um nur zwei Stationen zu nennen. In beiden Fällen haben die Kommunen die Prioritäten leider anders gesetzt.

Und als Hauptübel ist und bleibt wohl leider noch lange die Unpünktlichkeit der Züge im RMV zu nennen. Die gerade eingeführte 10-Minutengarantie des RMV als Entschädigung ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dennoch rate ich jedem Fahrgast, hiervon Gebrauch zu machen. Denn die Daten werden tatsächlich analysiert und fließen in die Arbeit einer Task-Force ein, die die Aufgabe hat, Schwachpunkte zu analysieren und Abhilfe zu schaffen.

Herr Staub, vielen Dank für das Gespräch.

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