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Zu viel Nitrat: Hohe Konzentration im Grund- und Rohwasser gemessen

Von Die Bauern wollen nicht länger die Buhmänner sein. Hohe Nitratkonzentrationen im Grundwasser könnten auch andere Ursachen haben, sagen die Landwirte.
Bernd Petri Bilder > Bernd Petri
Kreis Groß-Gerau. 

Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) misst regelmäßig die chemische Zusammensetzung des Grund- und Rohwassers in Hessen. Der Trend: Seit den 1990er-Jahren steigt der Nitratgehalt besonders in Südhessen kontinuierlich an. Dunkelrote Markierungen auf der Hessenkarte zeigen Nitratwerte von mehr als 50 Milligramm pro Liter im Grundwasser an; sie überschreiten damit den Grenzwert der Trinkwasserverordnung.

Betroffen sind vor allem die Wetterau, Main-Kinzig, die Region um Wiesbaden, Offenbach Land, Darmstadt-Dieburg und Bergstraße. Der Landkreis Groß-Gerau ist zweigeteilt: Die Mainspitze im Nordwesten und auf Treburer Gemarkung entlang des Rheins sowie Büttelborn im Südosten weisen eine hohe Nitratbelastung auf.

Gründe hinterfragen

Besonders in den Gebieten mit düngeintensivem Sonderkulturanbau sind hohe Nitrat-Konzentrationen zu verzeichnen. Das Hessische Ried ist zwar für Spargel- und Erdbeeranbau bekannt, doch die Hauptkultur in der Gegend um Trebur sei immer noch das Getreide, sagt Wolfgang Dörr, Vorsitzender des Regionalbauernverbands des Kreises Groß-Gerau. Er selbst bewirtschaftet einen Einsiedlerhof in der Gemarkung. Seine Meinung zu den Messergebnissen des HLNUG: „Wir nehmen die Sache sehr ernst, aber die Regierung kann nicht einfach pauschal die Landwirtschaft als Verursacher hoher Nitratwerte im Grundwasser abstempeln.“

Dörr fordert eine eingehende Ursachenforschung. Doch das kostet Geld, weshalb die Behörden noch nicht aktiv geworden seien. Dass ein hoher Nitratwert nicht unbedingt mit der Intensität der Bewirtschaftung zu tun haben muss, erläutert Dörr an einem Beispiel: „Ich habe nachgesehen, wo die beiden Brunnen liegen, die das Landesamt bei Trebur beprobt hat“, erzählt Dörr. Dabei habe er festgestellt, dass eine der beiden rotmarkierten Messstellen nahe eines Entwässerungsgrabens hinter dem Treburer Klärwerk liegt. Er vermutet an der Stelle Verunreinigungen aus anderer Quelle als der Landwirtschaft, etwa aus einem undichten Kanal. Mit diesem Beispiel wolle er die Verantwortung der Landwirte nicht von der Hand weisen, aber zeigen, dass das Problem durchaus komplexer sei als angenommen.

Nicht repräsentativ

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Messstellen des Landesamtes spiegelten den Grundwasserkörper im Ried nicht ausreichend wider, so Dörr. Die Beprobung des eigenen Hauswasserbrunnens weise einen Nitratgehalt von lediglich 1,9 mg/l auf – weit unter dem Höchstwert von 50 mg/l, führt der Vorsitzende an. Auch der Bauschheimer Landwirt Werner Stahl gibt an, der Beregnungs- und Bodenverband Rüsselsheim – Bauschheim entnehme alle zwei Jahre Wasserproben mit Werten zwischen 5 und 40 mg/l.

Der verschärften Düngemittelverordnung 2017 steht Stahl kritisch gegenüber. Diese fordert von den Landwirten eine intensivere Beprobung des Bodens, damit der Nährstoffbedarf der jeweiligen Pflanzenkultur möglichst genau ermittelt werden kann. Stahl spricht von einer „Dokumentationsinflation“. „Der hohe Aufwand schlägt sich leider nicht in den Preisen unserer Produkte nieder“, sagt er. Trotzdem bemühten sich die Landwirte, der Verordnung nachzukommen. „Wir tun unser Möglichstes, dass es zu keiner Verunreinigung kommt“, pflichtet Dörr bei. Aber man müsse auch bedenken, dass das Rhein-Main-Gebiet stark besiedelt ist und noch mehr Faktoren zum Tragen kommen.

Betrachtet man die Proben-Historie des Landesamtes von 2011 bis 2017, stellt sich die Situation im Ried tatsächlich vielschichtiger dar, als in der Karte. Die Brunnen bei Trebur weisen Großteils Werte unter 50 mg/l auf. Höchstwert ist 55 mg/l. Ganz anders die Situation im Ortsteil Astheim. Dort fand das Landesamt 89 mg/l im Grundwasser. Vergleicht man die Ergebnisse früherer Beprobungen, stellt man fest, dass der Nitratgehalt von 2011 (170 mg/l) stark abgenommen hat. Ähnlich verhält es sich mit Bauschheim. Dort ist das Wasser mit 150 mg/l Nitrat belastet. 2011 waren es noch 240 mg/l. Hohe Nitratwerte (94 mg/l) stellte das Landesamt auch bei Bischofsheim fest, 36 mg/l weniger als vor sechs Jahren. Es bleibt abzuwarten, ob mit der neuen Düngemittelverordnung die Nitratwerte weiter gesenkt werden können.

Ein Nullsummenspiel

Der Nabu-Kreisverband möchte einen anderen Weg gehen. Der Kreisvorsitzende Bernd Petri sieht zwar die industrielle Landwirtschaft in der Pflicht, macht aber deutlich, dass es nicht nur ein Umdenken bei den Landwirten – Stichwort ökologischer Ackerbau – geben muss, sondern auch bei den Verbrauchern. „Viele Verbraucher kaufen lieber billige Produkte und nehmen Umweltschäden etwa durch Überdüngung der Böden und Nitrat im Grundwasser in Kauf.“ Ist die Konzentration im Grundwasser zu hoch, muss es aufwendig gereinigt werden, damit es als Trinkwasser verbraucht werden kann. Das kostet Geld, was am Ende der Verbraucher zahlen muss. „Ein Nullsummenspiel“, findet Petri. Was die Landwirte tun können, sei statt Gülle Kompost auf die Felder auszubringen oder Zwischenfrüchte wie Kleegras und Hülsenfrüchte als Gründünger anzubauen.

Ganz wichtig: Die Landwirte müssten für den ökologischen Anbau entsprechend entlohnt werden, sonst seien nachhaltige Methoden nicht attraktiv genug für die Produzenten.

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