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Flüchtlinge in Rüsselsheim: Jung, alleine, auf der Flucht

Von In Rüsselsheim leben derzeit 85 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Der Anschlag von Würzburg soll auch in den Wohngruppen thematisiert werden, in denen sie mehrheitlich untergebracht sind. Für die Betreuer sind Schulungen mit dem Verfassungsschutz geplant.
Dennis Bilder > Foto: Robin Göckes Dennis
Rüsselsheim. 

Dennis Grieser (Grüne) atmet tief durch. „Würzburg“, sagt der Rüsselsheimer Sozialdezernent, „ist doppelt tragisch.“ Nicht einfach nur ein Flüchtling war es, der da am Montagabend mit einer Axt in einem Regionalzug Amok gelaufen ist und mehrere Menschen lebensgefährlich verletzt hat. Es war ein junger Mensch, der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam.

Seit Tagen reißen die Diskussionen um den Anschlag nicht ab, immer neue Details über den mutmaßlich 17 Jahre alten Amokläufer kommen ans Tageslicht, werden breit diskutiert. Innerhalb kürzester Zeit soll er sich radikalisiert haben, heißt es. Zu einer verbesserten Stimmungslage in der Flüchtlingsdebatte trägt all dies nicht bei – ganz im Gegenteil.

Eine beständige Aufgabe

Das ist auch Grieser bewusst. „Allerdings sehen wir schon seit Monaten eine Gegenbewegung nach der großen Euphorie im vergangenen Jahr“, sagt der Sozialdezernent. Es sei eine beständige Aufgabe, auch an der Stimmungslage zu arbeiten, die Flüchtlingen im Allgemeinen und besonders den unbegleiteten Minderjährigen, die auf der Suche nach Schutz nach Deutschland gekommen sind, entgegenschlägt. „Für sie haben wir einen besonderen Schutzauftrag, und dem kommen wir auch nach“, sagt Grieser.

Im Vergleich mit der Gesamtzahl der Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten Rüsselsheim erreicht haben, ist die Zahl der jugendlichen Flüchtlinge ohne Familienanschluss gering. Derzeit leben 85 junge Menschen in Rüsselsheim, die im Amtsdeutsch „unbegleitete minderjährige Ausländer“ genannt werden. Ende vergangenen Jahres kamen besonders viele in der Opelstadt an, begünstigt von der guten Verkehrsanbindung. Zu Spitzenzeiten waren es 95, die zeitgleich untergebracht werden mussten. Zwischenzeitlich waren die sozialen Auffangsysteme so stark überlastet, dass auch Pensionen in Rüsselsheim und dem Umkreis angemietet werden mussten, um überhaupt genug Betten zu haben.

„Familiärer als man denken könnte“

Anfang dieses Jahres gingen die Zahlen zurück, inzwischen stagnieren sie. Grieser spricht von einer „leichten Entspannung“. Was aber nicht heißt, dass die Strukturen der Jugendhilfe, in deren Zuständigkeit die Flüchtlinge fallen, nicht noch immer stark ausgelastet wären. „Wir arbeiten hier und da noch mit Provisorien, aber auch für die müssen wir uns nicht schämen.“ Im Normalfall leben die Jugendlichen in Wohngruppen, werden intensiv betreut. „Das ist familiärer als man denken könnte“, sagt Grieser, der viele Einrichtungen selbst besucht habe.

Ideal wäre aus Sicht der Stadt, vor allem ältere Jugendliche in Gastfamilien unterbringen zu können. Ein Ansinnen, dass nach dem Anschlag von Würzburg nicht einfacher geworden sein dürfte, allerdings auch schon zuvor schwierig war. Mehrfach hatte die Stadt in der Vergangenheit nach Gastfamilien gesucht. „Die Resonanz war mäßig, etwa ein Dutzend Interessenten hat sich aber gefunden“, berichtet Grieser. Nur zusammengekommen sei man nie. „Entweder es hat aus unserer Sicht nicht gepasst, oder die Familien wollten lediglich jüngere Kinder aufnehmen“, erklärt Grieser. In anderen Städten lief dies einfacher, bei einer entsprechenden Informationsveranstaltung in Frankfurt etwa standen die Menschen im Veranstaltungsraum, weil nicht genug Stühle greifbar und die städtischen Organisatoren vom großen Interesse überrascht waren.

In den Wohngruppen, in denen die Jugendlichen ihre Freizeit verbringen und die als Halt und Rückzugsmöglichkeit dienen, werde selbstverständlich auch die Axt-Attacke von Würzburg thematisiert. „Das ist doch klar, die Jugendlichen bekommen es doch auch mit. Die leben schließlich nicht in einer Blase.“ Schon in der Vergangenheit habe es für die Betreuer Fortbildungen zu den Themen Salafismus und Extremismus gegeben. „Und das wird es auch jetzt wieder geben, zusammen mit dem Amt für Verfassungsschutz“, berichtet Grieser. Ziel sei es, in der Arbeit mit den Jugendlichen auch die Themenfelder zu beleuchten.

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