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Dokumentation zur Lepra in Nepal: Ohne Moralfinger Zeichen setzen

Von Lepra in Nepal ist ein Thema, das hierzulande kaum bekannt ist. Selbst im Himalaya-Land selbst wird es von der Gesellschaft ignoriert oder tabuisiert. Ein Filmteam aus Butzbach und Köln hat sich des Themas angenommen. Herausgekommen sind 68 Minuten, die das Thema nicht nur in allen Facetten behandeln, sondern auch Land und Leute in Kino-Ästhetik zeigen.
Stolz auf das Erreichte: Daniel Libertus (links) und Hartmut Schotte. Bilder > Stolz auf das Erreichte: Daniel Libertus (links) und Hartmut Schotte.
Butzbach. 

Fast zweieinhalb Jahre ist es her, als sich das Filmteam um Ideengeber, Regisseur und Kameramann Hartmut Schotte, ausführender Produzent Daniel Libertus, Regisseurin Marie Nehles und Schauspieler Christian Stock zum letzten Gespräch getroffen hat. Damals ging es darum, Geld für das Film-Projekt „Losing Touch“ („Kontakt verlieren“) aufzutreiben.

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„Firstgrade Studios“ wurde 2001 gegründet und ist mittlerweile zu einer etablierten Produktionsfirma herangewachsen, die Filme für große und mittlere Unternehmen herstellt.

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„Wir haben eine Punktlandung erzielt“, berichtet der 34-jährige Libertus. 12 500 Euro waren angepeilt, 12 700 Euro kamen durch die Unterstützer im Internet zusammen. Für eine großangelegte Filmproduktion eigentlich viel zu wenig, doch das Quartett hatte weiter Unterstützung und den Vorteil, dass es selbst Profi-Ausrüstung beisteuern konnte.

„Wir wollten die Idee nicht an eine Produktionsfirma verkaufen oder im Auftrag eines großen Senders drehen“, sagt Schotte, der mit Libertus das kleine Produktionsunternehmen „First Grade Studios“ betreibt. „Uns ging es um unser Erstlingswerk, bei dem wir selbst die Zügel in der Hand halten wollten. Und wir wollten beweisen, dass wir eine Produktion von vorne bis hinten auch mit diesem Etat stemmen können“, schildert Libertus.

Fanatiker und Aufgeklärte

Im April 2014 ging es für Stock, Nehles und Schotte nach Nepal, Libertus blieb in der Heimat, um hier helfen zu können, wenn Not am Mann ist.

Vier Wochen war das Team im Himalaya. „Es war anstrengend, berührend, spannend, schön und lustig“, blickt Schotte auf diese Zeit zurück. Und wird konkreter: „Es ist bewegend, wie diese Menschen ohne Hände und Füße leben, dabei aber immer noch strahlen können.“ In einem Entwicklungsland wie Nepal werde man als Westeuropäer geerdet, was die eigenen Bedürfnisse betreffe.

Es klappte gut mit den Behörden, nur einen Ort durfte das Team nicht betreten: Ein staatlich organisiertes Lepradorf. Bei Außenaufnahmen im Film wirkt es wie im europäischen Mittelalter. Um das Dorf gibt es hohe Mauern. Die Menschen können zwar raus, sie gehen aber nicht, gelten wegen des Hinduismus als ausgegrenzt.

Denn das Team ging der Krankheit, an der in Nepal – obwohl leicht behandelbar – Zehntausende leiden, von verschiedenen Blickwinkeln auf die Spur. Christian Stock nähert sich als Protagonist verschiedenen Orten und Personen. Er trifft dabei auf religiöse Fanatiker und Aufgeklärte gegenüber der bakteriellen Erkrankung, auf Ignoranz und Verständnis, aber auch auf Hilfsbereitschaft über hinduistische Kasten hinweg.

So wie auf Chitra Bahadur KC, den Leiter der Organisation New Sadle (New Skill and Development Learning Experience). Er gehört der zweithöchsten Kaste an, hat sein Leben aber den „Unberührbaren“ gewidmet, die nach Auffassung mancher für ihre oder die Sünden ihrer Ahnen mit der Krankheit bestraft werden.

New Sadle errichtete mit Hilfe der deutschen Organisation Nepra Wohnungen, Schulen, Kindergärten und Behindertenwerkstätten mit Vorbildcharakter. Dort erhalten aus der Gesellschaft ausgestoßene Menschen nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch medizinische Versorgung und eine Arbeitsstelle. Doch es geht auch in ein Lepra-Dorf, in dem nichts mehr geht, wenn der Chef gegangen ist. Menschen, die ohne Hoffnung leben.

Ein eigenes Urteil

Es geht in ein Krankenhaus mit Forschungsstation, das angesichts der vielen Menschen, die kommen, überlastet ist. Und dort gibt es auch Operations-Szenen zu sehen, die nicht einfach zu verkraften sind. „Wir haben lange überlegt, aber diese Szenen dann dringelassen“, sagt Schotte.

„Wir wollten eine Botschaft auf mehreren Ebenen vermitteln, ohne den mahnenden Finger zu erheben. Aber wir wollten auch zum Grübeln anregen. Denn vieles gilt für viele Probleme weltweit“, berichtet Libertus.

Kamera und Protagonist Christian Stock halten sich zurück. Stock stellt Fragen, wenn sie notwendig sind, ansonsten beobachtet er und lässt erzählen. Die Bilder sind von hoher Qualität und könnten zumindest zum Teil auch in Reisedokumentationen passen – wenn das Team den Fokus nicht in eine andere Richtung bewegt hätte.

„,Losing Touch‘ sollte ein Film werden, der bewegt. Der echte Geschichten erzählt, der auch Fakten schildert, der es aber vor allem dem Zuschauer überlässt, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Es soll auf die Situation dieser Menschen aufmerksam gemacht werden, ohne zu urteilen oder Partei zu ergreifen. Die Zuschauer sollen einen Eindruck von einem Leben bekommen, das in der westlichen, entwickelten Zivilisation undenkbar wäre“, fasst Schott zusammen. Das ist gelungen.

Am morgigen Sonntag wird der Film – nach der Premiere in Köln – in Butzbach gezeigt. Leider noch nicht öffentlich, da noch einige Bewerbungsfristen für Filmfestivals wie die Hofer Filmtage laufen und der Film deswegen noch nicht öffentlich gezeigt werden durfte. „Auf der Berlinale hat man sich sehr viel Zeit bis zur Absage gelassen und diese dann auch sehr persönlich begründet“, verdaut Schotte eine nichterfüllte Hoffnung.

Doch danach soll der Film auch in Kinos laufen und auf DVDs und Blu Rays verkauft werden. „Allzu lange lassen wir uns nicht mehr Zeit, denn wir können immer noch einen weiteren Film drehen“, ist Schotte nach dem gelungenen Projekt zuversichtlich.

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