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Staatstheater Darmstadt: Ein Abend mit einer Mischung aus Texten und Musik

Von Die Regisseurin Gesche Piening, als Künstlerin auf vielen Pfaden unterwegs, fragte am Staatstheater Darmstadt: „Wer wollen wir gewesen sein?“
In Gesche Pienings Theatercollage geben Darsteller auf Video im Umfrage-Stil „besorgte Bürger“ und sondern Texte ab, die zwischen privater Sorge und politischer Haltung changieren. Foto: Nils Heck In Gesche Pienings Theatercollage geben Darsteller auf Video im Umfrage-Stil „besorgte Bürger“ und sondern Texte ab, die zwischen privater Sorge und politischer Haltung changieren.
Darmstadt. 

Pienings Videoinstallation mit Theaterpublikum bewegt sich auf abstrakten Pfaden. Die technische Einrichtung und sinnliche Wirkung bleiben fast Nebensache. Dennoch sei das Äußere zuerst beschrieben. Vier Doppelreihen Zuschauersitze füllen Rücken an Rücken den Kammerspielsaal. Der Einzelne blickt somit auf eine von zwei gegenüberliegenden Wänden mit monitorartigen Projektionsflächen. Saal und Sitze sind mit grüngelben Neonstreifen versehen. Die Beschallung erfolgt über Kopfhörer, die grün leuchten. Projiziert werden Aufnahmen (nicht live) von Ensemblemitgliedern im selben Saal.

Sechs Darsteller, darunter Gesche Piening, stellen auf Video im Umfrage-Stil „besorgte Bürger“ dar und sondern Texte ab, die zwischen privater Sorge und politischer Haltung changieren. Auch körperlose Stimmen sprechen und geleiten zu Musik durch den Abend.

„Wer wollen wir gewesen sein?“ fungiert als Aperitif zum „Großen Darmstädter Gespräch“, einer Diskurs-Veranstaltung zum Thema: „Wer ist wir?“. Theater zeigt und gibt sich also verantwortungsbewusst, und Pienings Sechzigminuten-Abend ist Teil davon. Sie reagiert auf das beunruhigende Faktum, dass ein Zehntel der deutschen Wähler neuerdings bereit scheint, die AfD in den Bundestag zu wählen, und fragt: Woher die Schieflage? Welches Korrektiv schafft Abhilfe? Wie steht es um die offene Gesellschaft? Wird Demokratie verstanden? Was wird in Zukunft von uns und unserem Verhalten in solcher Lage erzählt werden? Wer werden wir gewesen sein? An uns, so der Piening-Sound, wird es gelegen haben, ob wir die gewesen sein werden, die an ihren Ansprüchen gescheitert sein oder die offene Gesellschaft verteidigt haben werden.

Ehrenwertes Kopftheater

Soviel Futur II klingt für manchen, der das Futur II noch mit der Lacan-und Derrida-Mode vor 30 Jahren assoziiert, schwer nach Plusquamperfekt: Lang her, dass soviel „wird gewesen sein“ gewesen war! Pienings Abend bleibt ehrenwertes Kopftheater, schon weil sie fast alles (Text, Regie, Bühne, Kostüme) verantwortet: eine Spiegel- und Echokammer aus einem einzigen Kopf, ohne Fenster zur Welt. Lücken im Ablauf sollen Zuschauer zum Sprechen motivieren.

In der Premiere nutzt sie keiner, vielleicht, weil man passiv im Stuhl sitzt und, mangels körperlich präsenter Darsteller, fernsieht. Nicht offen, nicht befreiend, sondern unecht wie die Sektflöte aus Plastik zum Schluss.

Nebenbei untererfüllt Piening die eigene „Futur-II“-Perspektive. Viele Sätze sind kein Futur II, sie klingen nur vage so, im Titel etwa als Fragesatz mit Prädikat und abhängigem Infinitiv Perfekt. So halbgar wie die Grammatik und die autoritäre Struktur sind die philosophischen Grundlagen. Schon die Frage „Wer werden wir gewesen sein“, also: was wird die Zukunft von uns halten, läuft ja auf Schein hinaus, nicht Sein. So argumentieren Sophisten, nicht Philosophen.

Pienings Zukunftsblick steckt voller nicht hinterfragter Prämissen, als käme sie aus einem Habermas-Seminar und feiere den öffentlichen Diskurs der Verfassungspatrioten als Bürger, Verbraucher, Jünger ökologischer Nachhaltigkeit. So kann man es sehen. Muss man aber nicht.

Normierter Typ

Wie, wenn einer im Moment gut handeln will und es im Konfliktfall ablehnt, Folgen und Zwecke voranzustellen? Wenn einer den Titel „Verbraucher“ ablehnt? Wenn er die Bundesrepublik wunderbar findet, aber auch jeden Staat für eine Krücke hält? Wenn ihm Gottes Blick mehr bedeutet als der spekulierte der Geschichte? Wenn er Papst, Imam oder Rabbi wichtiger befindet als jeden Bundespräsidenten und Kanzler? Nichts davon hat bei Piening Platz, weil ihr „engagierter Bürger“ ein normierter Typ ist. Es gibt bessere Gründe als ihre, um Nazis die Kante zu zeigen.

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