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PS-Ektase: „Ich geb’ Gas, ich will Spaß“

Wenn man sich die neuen Modelle auf der IAA anschaut, scheint der Kult ums Auto ungebrochen: dicke Karossen, breite Reifen, glänzender Lack. Da stehen noch immer fette SUVs herum, hochbeinige Panzer für den Einkauf, tiefergelegte Rennwagen für den Stau. Die Motoren klingen wie die Songs von vorgestern. Wir haben die kultigsten Hits aus einer Zeit zusammengetragen, als man dem Auto noch ohne Skrupel Hymnen singen konnte.
Die legendäre Band Kraftwerk steht am 06.01.2015 in Berlin in der Neuen Nationalgalerie auf der Bühne. An acht Abenden werden acht Alben aus den letzten 40 Jahren gespielt. Danach wird die Neue Nationalgalerie saniert. Foto: Jens Kalaene/dpa (ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke) (recrop) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild) Die legendäre Band Kraftwerk steht am 06.01.2015 in Berlin in der Neuen Nationalgalerie auf der Bühne. An acht Abenden werden acht Alben aus den letzten 40 Jahren gespielt. Danach wird die Neue Nationalgalerie saniert. Foto: Jens Kalaene/dpa (ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke) (recrop) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

„Zukunft erleben“ ist die IAA in diesem Jahr überschrieben. Klingt doch seltsam nach dem Dieselskandal, der den Horizont verdüstert, den Ruf der Industrie beschädigt und den Autofahrern die Lust verdirbt. Umfragen warten mit einer Hiobsbotschaft auf: Das Auto ist anders als noch vor Jahrzehnten längst nicht mehr der Deutschen liebstes Kind. Stirbt der Mythos vom Auto? Sind Autos noch sexy? In Pop-Hymnen werden sie jedenfalls nicht mehr besungen. Wer will schon Songs über Smarts, SUVs oder Elektromobilität hören?

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Die Hymnen im Internet

Als die „Beach Boys“ im Sommer durch Deutschland tourten, hatten sie einen Block mit „einzigartigen Liebesliedern“ (so Sänger Mike Love) im Zweistundenprogramm. Sie waren den ersten Autos der Musiker gewidmet. „Little Deuce Coupe“ aus dem Jahr 1963 gilt in Amerika noch immer als „The Ultimate Standard Car Song“ und eröffnete das gleichnamige Album, auf dem die „Strandjungs“ lieber über die Highways als über die Wellen surften. Auf dem Cover: die Hot-Rod-Version eines 32er Ford Coupé. Natürlich melden sich auch die Bluesfans. Schließlich löste das Auto die Eisenbahn in den Liedtexten als das große Faszinosum unter den Fortbewegungsmitteln ab. Robert Johnson machte sich bereits 1936 im „Terraplane Blues“ in einem Hudson auf den Weg zu seiner Liebsten in Arkansas. Rock ’n’ Roller Chuck Berry avancierte zu einem „King of The Cadillac“, und Soulsänger Wilson Pickett verhalf mit „Mustang Sally“ der Marke Ford zu Ruhm aber auch Buick, Chevrolet, ja sogar VW und Opel waren hittauglich. Aus der unerschöpflichen Jukebox mit Auto-Nummern haben wir eine Top-10-Liste zusammengestellt – als Autos noch Kultobjekte waren:

1. Janis Joplin: „Mercedes Benz“, 1971

Der Legende nach kam Janis Joplin eines Tages ins Tonstudio, bat Produzent Paul Rothchild, die Aufnahme zu starten, und sang aus dem Stegreif und a cappella ihren von ihrem Wunsch an den lieben Gott, ihr doch einen Mercedes zu kaufen. Schließlich führen alle ihre Freunde einen Porsche. Sie selbst besaß einen 356er Cabrio, psychedelisch bunt bemalt. Der Song wurde indes als Kapitalismuskritik verstanden. Motto: Materielles allein macht nicht glücklich.

2. Prince: „Little Red Corvette“, 1982

Die Single „Little Red Corvette“ bescherte Prince seinen ersten Top-10-Hit in den USA. Der Sportwagen, gerühmt für seine Geschwindigkeit und Schönheit, ist Metapher für eine umwerfend schöne Frau – und einen One-Night-Stand.

3. Bruce Springsteen: „Pink Cadillac“, 1984

„Es heißt Eva verführte Adam mit einem Apfel, aber daran will ich nicht glauben, ich denke es war ihr Pink Cadillac“, singt der Boss auf der B-Seite seines Hits „Dancing In The Dark“, der vor allem live die Fans auf der „Born-In-The-U.S.A.“- Tour begeisterte. Wie das Auto ins Paradies gelangte? Oder ist das rosafarbene Gefährt nur ein Sinnbild?

Der junge Bruce Springsteen posiert vor einer Corvette. Besungen wurde das rassige Gefährt später auch von Prince. Bild-Zoom
Der junge Bruce Springsteen posiert vor einer Corvette. Besungen wurde das rassige Gefährt später auch von Prince.

4. Wilson Pickett: „Mustang Sally“, 1966

Picketts energiegeladene Interpretation von „Mustang Sally“ machte den R-&-B-Song von Sir Mack Rice so populär, dass er auch als Rôle Model für Springsteen und Prince gedient haben soll. Bis heute wird allen Ernstes in Internetforen diskutiert: Ging es in „Mustang Sally“ um Sex? Tja, wer weiß.

5. Prefab Sprout: „Cars And Girls“, 1988

Wenn sich ein kultivierter Songschreiber wie Paddy McAloon aus Newcastle-upon-Tyne des Themas „Cars And Girls“ annimmt, dann nicht, um sich in die Konkurrenz mit den euphorisierten Kollegen zu begeben. „Brucie Dreams Life’s A Highway“ setzt McAloon virtuos seine Spitzen gegen Springsteen: Es gibt andere Dinge im Leben als Frauen und Autos.

6. The Clash: „Brand New Cadillac“, 1979

Was macht die Coverversion der Vince-Taylor-Komposition auf einem auch politisch relevanten Album wie „London Calling“ britischer Post-Punks? Die Antwort ist ganz profan. „Als Mick und ich in einem besetzten Haus in der Davis Road in Shepherds Bush wohnten, lag die Platte in der Wohnung herum. Als wir dann mit Joe zusammenkamen, haben wir das Stück öfters gespielt“, hat Bassist Paul Simonon einmal erzählt.

7. Queen: „I’m In Love With My Car“, 1975

Eher als Scherz gedacht, überließ es Freddie Mercury dem Schlagzeuger Roger Taylor, „I’m In Love With My Car“ zu singen, der so seinem Alfa ein Hard-Rock-Liedchen widmen wollte. Britische Kritiker konnten es sich nicht verkneifen, „I’m In Love . . .“ als den „leidenschaftlichsten Lovesong der letzten 30 Jahre“ zu verballhornen. Jaguar setzte das Stück in einem Werbespot ein.

8. The Beatles, „Drive My Car“, 1965

Auf ihrem „Rubber-Soul“-Album machten die „Beatles“ erste Anstrengungen, sich musikalisch mehr und mehr auszuprobieren. Doch wie passte ein „Beep-beep-beep“-Liedchen wie „Drive My Car“ zu diesem Anspruch? Aus ursprünglich scheußlichen Reimen wurden zweideutige Zeilen, aber die Geschichte vom Mädchen, das ein Star werden will, sich einen Chauffeur anlacht, ohne ein Auto zu besitzen, entbehrt zumindest nicht einer gewissen Ironie.

9. Markus: „Ich geb’ Gas, ich will Spaß“, 1982

Mal eben mit einem Maserati lahme Enten (gemeint ist natürlich das französische Kultauto 2 CV von Citroën) jagen, das reichte für den Bad Camberger Markus Mörl, einen Riesenhit zu landen zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle. Noch heute wird der Song auf NDW-Partys gefeiert. Nur ohne Einatmen von Heliumgas lässt sich „Ich geb’ Gas . . .“ nicht mehr singen.

Der aus Bad Camberg stammende Sänger Markus ist mit „Ich geb’ Gas, ich will Spaß“ in die Geschichte eingegangen. Bild-Zoom
Der aus Bad Camberg stammende Sänger Markus ist mit „Ich geb’ Gas, ich will Spaß“ in die Geschichte eingegangen.

10. Kraftwerk: „Autobahn“, 1974

Was wären Autos ohne Straßen? Nichts. Und wer hat sie erfunden? Die Deutschen mit den Reichsautobahnen. Nazi-Propaganda. Denn die Italiener waren schneller, von den Nordamerikanern mit ihren Highways ganz zu schweigen. Trotzdem beneidet uns die ganze Welt um unsere Autobahnen. Und den „Kraftwerk“-Song. Weil es hier kein absolutes Tempolimit gibt. Die Musiker indes laden in ihrem Klassiker eher zum gemütlichen Cruisen ein. Raser-Tourismus? Nein danke.

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