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Frankfurt 1968: Revolte auf dem Römerberg

Von Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger besichtigen in ihrem Band „Das Jahr der Revolte“ und nehmen dabei besonders den Schauplatz „Frankfurt 1968“ in den Blick.
Daniel Cohn-Bendit durchbricht die von der Polizei errichteten Barrikaden vor der Frankfurter Paulskirche. Bilder > Daniel Cohn-Bendit durchbricht die von der Polizei errichteten Barrikaden vor der Frankfurter Paulskirche.

Wenn man 1955 geboren wurde wie Claus-Jürgen Göpfert, dann war man 1968 noch zu jung, um dieses denkwürdige Jahr als politisch Handelnder zu erleben. Ein offenes, neugieriges Gemüt vorausgesetzt, ist man mit 13 aber durchaus alt genug, zu bemerken, wenn in der Welt um einen herum etwas geschieht, was es noch nie gegeben hat: wenn Menschen sich zu Tausenden zusammenfinden, um für Rechte zu demonstrieren, von denen man vorher noch nie gehört hatte. Sich auflehnen gegen Dinge, die einem bislang selbstverständlich schienen – gegen schweigende Väter zum Beispiel, altbackene Moralvorstellungen, rigide Autoritäten und gegen alte Nazis in neuen Führungspositionen.

Gemeinsam mit Bernd Messinger, Geburtsjahr 1952, Grünen-Politiker und ehemaliger Büroleiter von OB Petra Roth, hat der langjährige „Frankfurter-Rundschau“-Redakteur ein Buch über jenes Jahr geschrieben, das vor fast einem halben Jahrhundert das Leben in Deutschland grundlegend veränderte – auch wenn die Revolutionäre in vielen ihrer Kämpfe unterlagen.

Amerikaner in Vietnam

Göpfert ist Journalist, und insofern ist es nicht verwunderlich, dass seine Methode das Stimmen- und Stimmungen-Sammeln ist – keine schlechte Idee bald 50 Jahre danach, bevor alles historisch wird und der Schatz der Zeitzeugenschaft nicht mehr geborgen werden kann. Viele der Revolutionäre von damals sind ohnehin schon lange tot. Rudi Dutschke, Wortführer in Berlin, wurde ermordet, und Hans-Jürgen Krahl, Adorno-Schüler, der „Robespierre aus Bockenheim“ und führender rhetorischer Kopf im SDS, starb 1970 mit 27 Jahren bei einem Autounfall.

Was schoss nicht alles zusammen, um dieses Befreiungsfeuerwerk zu entzünden, ohne das Deutschland heute ein anderes wäre: die Empörung über die Amerikaner in Vietnam, der Mord an Robert F. Kennedy, fünf Jahre nach der Erschießung der beiden Hoffnungsfiguren Martin Luther King und John F. Kennedy. Die „Enteignet-Springer!“-Kampagne, die an den Ostertagen 1968 im Frankfurter Gallus eskalierte – in der Societätsdruckerei wurde die „Bild“-Zeitung gedruckt, und Tausende versuchten, die Auslieferung zu verhindern. Die Diskussion der umstrittenen Notstandsgesetze, die dem Bund im Ernstfall mehr Macht und den Bürgern weniger Rechte geben sollten – Ende Mai ’68 wurde das Regelwerk endgültig beschlossen. Viele fürchteten, es würde einer neuen Diktatur in Deutschland den Weg ebnen. An den Universitäten reizte die Studenten der „Muff unter den Talaren“ oft bis zur Weißglut. Sie reagierten auf das in vielerlei Hinsicht verknöcherte Lehrsystem mit Forderungen, die so weitgehend und anarchisch waren, dass klar war: Kein Professor würde sie je annehmen können – Grabenkämpfe, wohin man blickt, und keine Lösung in Sicht.

Mehr als 20 Zeitzeugen haben Göpfert und Messinger befragt und damit ein lebendiges Frankfurter Kaleidoskop gestaltet. Denn dezidiert geht es den Autoren um die Frankfurter Perspektive der großen 68er-Rebellion. Die Stadt am Main war neben Berlin der zweite Hauptschauplatz des Ringens um gesellschaftliche Umwälzungen – und manche sagen, er war nicht weniger wichtig als Berlin. Unter den Befragten sind der Schriftsteller Peter Härtling, damals Leiter beim S.-Fischer-Verlag, Stroemfeld-Verlagsleiter KD Wolff, der ehemalige Vorsitzende des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, und auch Daniel Cohn-Bendit, der Rebell, der zeitlebens nicht die Askese, sondern den Lebensgenuss predigte.

Einem heißen Sommer folgte nahtlos ein heißer Herbst: Nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze und universitärem Aufruhr, der nicht abebben wollte, kam die Buchmesse. Mit ihr brandeten wütende Proteste auf gegen die Verleihung des Friedenspreises an den Senegal-Diktator Leopold Senghor.

Konservatives Feindbild

Bei der Verleihung durchbrach Cohn-Bendit die Barrikaden an der Paulskirche, wurde zwar verhaftet, hatte sich damit aber – wieder einmal – in die Herzen aller Revolutionäre gespielt. Wie man das machte, damit kannte der französisch sozialisierte Lebemann-Revoluzzer sich aus.

Manchmal braucht es 50 Jahre, bis die Schleier sich lichten. Bis eine differenzierte und unideologische Darstellung von Zeitereignissen möglich wird, die weder ein konservatives Feindbild pflegt noch die Revolutionäre verklärt. Manchmal braucht es einen Chor der Stimmen, um der Seelenlage eines ganzen Landes auf die Spur zu kommen und die oft übers Ziel hinausschießenden Handlungen an den Rändern des politischen Spektrums zu verstehen als einander bedingende Reaktionen.

Der Biografie des Jahres folgen im zweiten, locker gestrickten Teil des Buches einzelne Porträts und Interviews, ein Kapitel über „Die Frauen“ sowie zuletzt ein „juristisches Nachspiel“, das die heutige Zeit aus den Errungenschaften der 68er-Generation in den Blick nimmt. Zum eklektischen Schluss wird das Werk dann etwas zu didaktisch. Die Autoren hätten darauf verzichten können: Denn ’68 und was wir daraus lernen können – dazu braucht es nach der Lektüre eines solchen Buches keiner gesonderten Nachhilfe mehr.

Lesung und Gespräch

In der Reihe „Frankfurter Premieren“ stellen die Autoren ihr Buch am 29. September im berühmten Hörsaal VI der Goethe-Universität vor, Gräfstraße 50–54, Beginn 19.30 Uhr.
Eintritt frei.

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