Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Limburg an der Lahn 19°C

Literatur: Robert Menasses EU-Roman „Die Hauptstadt“: Schweinefleisch ist auch nur Pappe

Von Der Österreicher Robert Menasse hat den ersten Roman über die Europäische Union geschrieben – über ihre Bürokraten, ihre Hauptstadt und ihre Schweine.
Ein galoppierendes Schwein spielt eine bedeutende Rolle im Roman: Sparschwein? Glücksschwein? Nur Schwein? Wer weiß? Foto: Ralf Hirschberger (dpa-Zentralbild) Ein galoppierendes Schwein spielt eine bedeutende Rolle im Roman: Sparschwein? Glücksschwein? Nur Schwein? Wer weiß?

Es gab einige Leser, die erleichtert aufseufzten: Endlich! Endlich hat ein kluger, sprachgewandter Romancier die Europäische Union als Sujet entdeckt, diesen vermutlich so reichen Fundus komischer und tragischer Geschichten, dieses eigentümlich fantastische Traumreich zwischen der Welt von gestern und der von übermorgen.

Robert Menasse liest heute im Frankfurter Literaturhaus mit seinen Shortlist-Kollegen. Leider ausverkauft! Bild-Zoom Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild)
Robert Menasse liest heute im Frankfurter Literaturhaus mit seinen Shortlist-Kollegen. Leider ausverkauft!

Endlich – das heißt auch: just in diesen Tagen, da Europa mangels sinnstiftender Idee zu zerfallen droht! Und der Traum schon ausgeträumt scheint, noch bevor er sich erfüllen konnte und der erste Roman zum Thema publiziert ist. Aber jetzt hat ihn Robert Menasse (63) geschrieben, ein Österreicher. Endlich! Die Österreicher sind ja wegen ihres Märchenkaisers Franz Joseph die Kundigsten in Fragen komplexer supranationaler Staatengebilde – beschenkt mit Dichtern wie Zweig, Musil, Broch und Doderer, die Kakanien und seine Vielvölkerschar so opulent in den Untergang hineinbegleitet haben. Seit den „Sissi“-Filmen wissen selbst unkundige Nichtösterreicher, wie traulich die Donaumonarchie einst dämmerte und döste, da Apfelstrudel und Schlagobers Bregenz mit Sarajevo, Prag und Transsylvanien noch kulturell verbanden.

Gewiss: Manch anderer mag bei Europäischer Union an Günther Oettinger und Günter Verheugen denken, an Martin Schulz, Elmar Brok und Jean Claude Juncker. Und sogleich mag elegische Melancholie den Blick verschleiern, die düstre Aura von Buchhaltern, Krämern und Aktenhubern sich wie Teer auf die müde Seele legen. Still quillt womöglich eine Träne: Vermag ein fideler Mann vom literarischen Zuschnitt Robert Menasses solcher Tristesse zu wehren?

Quiekend im Galopp

Ein Schwein rennt quiekend im Galopp durch Brüssel, die Hauptstadt Europas. Wie aus den Augenwinkeln des rasenden Rüsseltiers wischt in einem Prolog das Romanpersonal vorbei: David de Vriend, der KZ-Überlebende, Kai-Uwe Frigge, der deutsche Büroleiter in der Generaldirektion Handel, Fenia Xenopoulou, die aus Zypern stammende Direktionsleiterin der Kommissionsabteilung Kultur, Matek Oswiecki, ein Auftragskiller, Alois Erhart, österreichischer Wirtschaftstheoretiker. Wichtige Rollen spielen außerdem Émile Brunfaut, Brüsseler Polizeikommissar, der durch Suspendierung an der Aufklärung eines Todesfalls gehindert werden soll, die Brüder Florian und Martin Susman, Schweinezüchter und Präsident des europäischen Berufsverbandes der eine, Abteilungsleiter in der Generaldirektion Kultur der andere. Eben dieser Martin Susman handelt sich infolge einer kurzzeitigen mentalen Absence den Auftrag ein, der Feier zu irgendeinem Europa-Jubiläum einen Sinn zu verleihen. Und wo findet er ihn? In Auschwitz. Wo er sich prompt einen Schnupfen einfängt.

Ja, der Leser wisse sogleich: Menasses Roman „Die Hauptstadt“ ist mit dem feinen Garn der Ironie und der satirischen Fabulierlust gewoben. Da geht es um Kompetenzgerangel unter Bürokraten, um Zank zwischen Karrieristen und Angebern, um Lobbyismus und Vetternwirtschaft, um die Absurdität von Regelwerken, um nationale Eitelkeit und vererbte Ranküne der Völker. Natürlich menschelt’s auch mächtig – amourös zumal – in den Brüsseler Kneipen und Kantinen, Raucherecken und Doppelbetten. Da gibt es Zicken, lethargische Stubenhocker, frustrierte Weltverbesserer und abgebrühte Narzissten, die sich in den Ledersesseln der höheren Hierarchie fläzen.

Man liest das innerlich kichernd, mit dem Amüsement dessen, der alle Klischees geistreicher als sonst angerichtet und inszeniert findet. Guten Gewissens fühlt sich der lesende Bürger bestätigt in seinen Vorstellungen von den verkorksten Technokraten im spröden Brüssel, die ihre Neurosen und Weltfremdheit pflegen. Schließlich ist es Menasse, der sich da lustig macht, ein wohlmeinender, aufrechter Europäer von untadeliger Gestalt, der in essayistischen Schriften seine Sorge um und seine Hoffnung für ein starkes, geeintes Europa wiederholt bekundet hat. Und wenn selbst einer wie Menasse, der Brüssel aus eigener Anschauung kennt, weil er recherchierend dort gelebt hat, feixt und kabarettistisch ablästert, so wird es doch gestattet sein, sich in die eigene europaskeptische Meinung zurückzulehnen und es sich im Einvernehmen mit dem Buch gemütlich zu machen – oder nicht?

Schrulliger Biedersinn

Das aber ist die Crux des Romans: sein – trotz aller Kniffe – schrulliger Biedersinn, der den verschrobenen Figuren nur das Format von Pappkameraden und Karikaturen lässt. Sie wirken ausgedacht, erfunden, zerknittert wie Hauspostumschläge. Selbst das Schwein.

In Wahrheit ist „Die Hauptstadt“ gar kein Roman, sondern ein illustrierter Essay, freilich ohne seinen Erkenntniswert. Das liegt natürlich daran, dass die Ministerialbürokratie der EU romanuntauglich ist, weil ihr jede über einen Kalauer hinausgehende Fallhöhe fehlt. Sie ist so tragisch wie eine Exportquote für Schweinefleisch. Und die Explosion der Bombe, die Menasse in der „Hauptstadt“ zündet, auch nur so laut wie der Knall einer Kladde, die zu Boden fällt.

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse