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Interview: Startenor Rolando Villazón: „Mit Verdi würde ich Portwein trinken“

Rolando Villazón – einer der weltweit erfolgreichsten Tenöre – kehrt zu den Wurzeln der romantischen italienischen Gesangstradition zurück und präsentiert mit „Schätzen des Belcanto“ eine Liederauswahl von Verdi, Rossini und Bellini.
Rolando Villazón ist ein Energiebündel – nicht nur, wenn er auf der Bühne steht. Im Oktober gastiert der mexikanische Tenor mit Liedern des Belcanto in der Alten Oper. Foto: Rolf Vennenbernd (dpa) Rolando Villazón ist ein Energiebündel – nicht nur, wenn er auf der Bühne steht. Im Oktober gastiert der mexikanische Tenor mit Liedern des Belcanto in der Alten Oper.

Es gibt kaum eine Sängerkarriere in den vergangenen 20 Jahren, die derart rasant verlaufen ist wie die von Tenor-Superstar Rolando Villazón. Erfüllt von schwindelerregenden Höhen – gemeinsam mit Anna Netrebko – und schrecklichen Stimmproblemen; von dramatischen Abstürzen und frenetisch umjubelten Comebacks. Der mexikanische Tenor Rolando Villazón ist und bleibt einer der aufregendsten Sänger dieses Jahrhunderts und fasziniert als exzessives „stage animal“ ebenso wie als Cartoonist, Romanautor, Kinderclown, Regisseur und begnadeter Entertainer. Der frisch gekürte künstlerische Intendant der Mozart-Woche in Salzburg macht am 16. Oktober in Frankfurts Alter Oper mit einem exquisiten Belcanto-Liederabend Station. Auch eine neue CD hat er aufgenommen, die am 22. September erscheint. Gemeinsam mit dem russischen Bass-Titan Ildar Abdrazakov und dem designierten neuen Chefdirigenten der Met, Yannick Nézet-Séguin am Pult. Bettina Boyens sprach mit dem Sänger.

Herr Villazón, Sie haben einmal gesagt, dass Sie gerne mit Mozart ein Bier trinken würden. Warum das denn?

ROLANDO VILLAZÓN: Ja, ich gehe oft mit Mozart Bier trinken. Ich nehme einfach seine wunderbaren Briefe mit, ich lese sie, und seine Stimme spricht zu mir. Natürlich sind auch andere Komponisten großartig und faszinierend, aber Mozart ist für mich ein richtiger Freund. Da passiert etwas ganz Besonderes zwischen ihm und mir. Er ist ein wirklich guter Geist.

Aber bei Mozarts katastrophalem Finanzgebaren müssen Sie doch am Ende die Zeche des Abends bezahlen.

VILLAZÓN: Mein Gott, wo ist das Problem? Ich bezahle liebend gerne, selbstverständlich.

Sie sind der neue künstlerische Intendant der Mozart-Woche in Salzburg. Wo wollen Sie Ihre Schwerpunkte setzen?

VILLAZÓN: Ich versuche, nicht nur einzelne Themen für die jeweilige Saison zu setzen, sondern eine umfassende Reise zu veranstalten. Ich hoffe, dass die Menschen während meiner Intendanz immer wieder kommen. Es wird eine große programmatische „Celebration“ für die Dauer von fünf Jahren. Ich habe das Glück, viele wunderbare Künstler zu kennen, und wir haben mit der Camerata Salzburg, dem Mozarteum-Orchester und unserem Star-Orchester, den Wiener Philharmonikern, fantastische Highlights. Das wird ein Fest für alle, die Mozart lieben und ihn noch besser kennenlernen möchten.

Nach Frankfurt kommen Sie am 16. Oktober in die Alte Oper mit einem Liederabend des Belcanto. Mit wem von den Komponisten des Abends würden Sie gerne einen Glas Chianti trinken? Mit Verdi?

VILLAZÓN: Mit Rossini würde ich gerne Spaghetti essen. Er war ein Lebenskünstler, ein Bonvivant und er hatte eine ausgeprägte Leidenschaft fürs Kochen. Mit Giuseppe Verdi wäre das komplett anders. Er ist für mich wie ein ganz wunderbarer Großvater mit großer Autorität, und wir würden ausführlich und sehr ernsthaft diskutieren und auch das wäre schön. Dazu würden wir einen guten Portwein trinken.

Die Belcanto-Lieder werden von Ihnen als Miniatur-Opern angekündigt. Wie kommen Sie darauf?

VILLAZÓN: Mich interessiert an diesen melodischen Stücken besonders, dass sie alle von den großen Opernkomponisten stammen. Wir beginnen den Abend mit den „arie antiche“ und machen im Laufe des Konzerts eine Zeitreise. Obwohl es eigenständige Kunstwerke sind, haben doch manche später den Einzug in die Oper gefunden. Zum Beispiel ist ein Verdi-Lied dabei, das er später in seinem „Trovatore“ verwendet hat. In diesen kleinen Liedern zeigt sich bereits das gesamte Spektrum an Einfallsreichtum der Melodien, wie Bellini und Donizetti es später auch in ihren Opern ausführen. Das geht sofort ins Herz.

Sie sind der vielseitigste Tenor, den ich kenne. Sie zeichnen, singen, führen Regie, schreiben Romane, moderieren, sind Clown und Intendant: Was können Sie eigentlich nicht?

VILLAZÓN: Viel mehr, als ich kann.

Oder sollte ich besser fragen: Was interessiert Sie nicht?

VILLAZÓN: Es stimmt, ich bin ein wahnsinnig neugieriger Mensch. Was mich wenig fasziniert ist das Fernsehen. Ich schaue praktisch nicht und habe auch gar nicht die Zeit. Nur gute Dokumentationen finde ich spannend.

Sie leben leidenschaftlich, machen vieles gleichzeitig und sprühen vor Tatendrang. Man könnte sagen: Sie zünden die Kerze ständig an beiden Enden an. Haben Sie nicht Angst, eines Tages zu verbrennen?

VILLAZÓN: Nein. Wenn man die Kerzen an beiden Enden anzündet, spürt man viel mehr, allerdings vielleicht für einen kürzeren Moment. Wir alle sind nur einmal hier – und auch das nur für einen Augenblick. Manch eine Lebensweisheit warnt uns: Man muss sehr aufpassen, um alles langsam zu genießen und so weiter. Meine Persönlichkeit aber ist so veranlagt, dass ich das Leben intensiv spüren will und dass meine Kerze sogar an vier Enden brennt. Außerdem: Jede Kerze ist irgendwann zu Ende.

Aber einige sind schneller verbrannt als andere.

VILLAZÓN: Ja, aber vielleicht sind manche Kerzen auch einfach länger als andere, und deswegen können beide Seiten lange brennen? Oder vielleicht gibt es nicht nur diese eine Kerze, sondern mehrere. Die Frage ist doch: Wie viele Kerzen haben wir, und wie viele davon zünden wir auch wirklich an?

Sie haben gerade in Kanada eine neue CD aufgenommen. Opern-Duette mit dem russischen Bass Ildar Abdrazakov, gemeinsam in einer Kirche in Montreal unter dem kanadischen Dirigenten Yannick Nézet-Séguin. Was hat Sie in dieser Woche am meisten bewegt?

VILLAZÓN: Es war insgesamt eine sehr intensive Zeit. Aber ganz stark waren die Aufnahmen von unseren beiden Faust-Duetten von Charles Gounod und Arrigo Boito. Dieser Moment, als Faust den Teufel ansingt: „Mephisto, ich bin da, und ich gebe Dir meine Seele“, und der Teufel zurücksingt, „Ja, dann komm her“ – und das alles in einem Gotteshaus. Das hatte schon was ganz Spezielles.

Wie würden Sie den Charakter der Stimme von Ildar Abdrazakov beschreiben?

VILLAZÓN: Sein tiefer Bass ist eine Stimme, die umarmt. Ganz warm mit einer wunderbaren Technik. Und mit unendlichen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Zudem hat er eine umwerfende Präsenz. Es tut gut, mit ihm zu singen. Seine Stimme klingt wie Schokolade.

Zartbitter oder Vollmilch?

VILLAZÓN: Es ist eine „Alles“-Schokolade.

Vielen Dank für das Gespräch.

VILLAZÓN: Danke ebenfalls, und ich wünsche Ihnen viele lang brennende Kerzen.

Alte Oper Frankfurt

16. Oktober, 20 Uhr. Karten von
68 bis 102,50 Euro unter Telefon (069) 1 34 04 00. Internet www.alteoper.de

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