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Jubiläum: Warum „Der kleine Hobbit“ mehr als Kinderbuch-Klassiker ist

Von „Der Hobbit“ soll ursprünglich als Geschichte für Tolkiens eigene Kinder konzipiert worden sein. Doch bis heute fasziniert die märchenhafte Welt rund um das menschenähnliche Volk der kleinen friedfertigen Wesen auch Millionen von Erwachsenen.
Ein Millionenpublikum erreichten auch die Verfilmungen des Fantasy-Abenteuers: Hier eine Szene aus dem Kinohit „Der Hobbit: Smaugs Einöde“, der im Jahr 2013 gedreht wurde, mit Martin Freeman (links) als Bilbo Beutlin und John Callen als Oin. Foto: Warner Bros. (Warner Bros. Entertainment) Ein Millionenpublikum erreichten auch die Verfilmungen des Fantasy-Abenteuers: Hier eine Szene aus dem Kinohit „Der Hobbit: Smaugs Einöde“, der im Jahr 2013 gedreht wurde, mit Martin Freeman (links) als Bilbo Beutlin und John Callen als Oin.

Eines Tages saß der britische Sprach- und Literaturprofessor John Ronald Reuel Tolkien am Schreibtisch und korrigierte Hausarbeiten seiner Studenten, als ihn ein Geistesblitz traf. Er nahm ein weißes Blatt Papier und schrieb darauf: „In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“ Der Satz wurde zur Ouvertüre eines Kinderbuch-Klassikers. Bis heute hat sich „Der kleine Hobbit“ (englischer Originaltitel: „The Hobbit or There and Back Again“) mehr als 100 Millionen Mal verkauft, übersetzt in 40 Sprachen. Peter Jacksons bildgewaltige Kino-Adaptionen avancierten ebenfalls zu Kassenschlagern.

Die erste Auflage des Romans, der den Begriff „Fantasy-Literatur“ prägte, kam am 21. September 1937 in den Handel. Bereits im Dezember hatte der Verlag George Allen & Unwin alle 1500 Exemplare abgesetzt. Seither ist der „Hobbit“ nicht mehr von den Bestseller-Listen wegzudenken. Warum erfreut sich der Märchenstoff auch nach 80 Jahren noch anhaltender Faszination? Und woher nahm J. R. R. Tolkien die Inspiration für seine fantastischen Kreaturen, die ein Universum namens „Mittelerde“ bevölkern?

Der Legende nach wollte Tolkien, damals 40-jähriger Familienvater, bloß eine spannende Gute-Nacht-Geschichte für seinen Sohn erfinden. Darin spielt Bilbo Beutlin die Hauptrolle, ein unscheinbarer Geselle vom Stamm der Hobbits. Markenzeichen: kleiner Wuchs, haarige Füße und eine Vorliebe für gepflegten Müßiggang. Bilbo sitzt vor seinem Häuschen und raucht Pfeife, als ihn der Zauberer Gandalf aufsucht und zum Abenteuer seines Lebens einlädt.

Sagenhafter Schatz

Der Hobbit soll sich dem Zwergen-König Thorin Eichenschild und seinem Trupp anschließen, der sein Reich unter dem Einsamen Berg aus den Klauen des Drachen Smaug befreien und einen sagenhaften Schatz zurück erobern möchte. Widerstrebend stimmt Bilbo zu. Im Angesicht zahlreicher Gefahren wächst der Wicht über sich hinaus.

Der belesene Tolkien bediente sich für seine Erzählung bei allerlei angelsächsischen und germanischen Sagen, von „Beowulf“ bis zum „Nibelungenlied“, und den Märchen der Brüder Grimm. Die Namen seiner Figuren kopierte er zu großen Teilen aus der isländischen „Edda“-Saga. Ob Thorin, Kili, Fili oder Gandalf – sie alle tauchen schon in der Heldenlieder-Sammlung des 13. Jahrhunderts auf. Nicht zuletzt hatte die Bibel Einfluss auf das Werk des gläubigen Katholiken. Durch ihre Opferbereitschaft zur Erlangung eines größeren Heils tragen sowohl Bilbo als auch Thorin Eichenschild messianische Züge, während Gandalf als guter Hirte vorangeht und mit seinem Stab Wunder wirkt.

Zwar schrieb Tolkien das Buch in einer schnörkellosen, leicht verständlichen Sprache, doch unterstreichen „Hobbit“-Experten wie der amerikanische Theologie-Professor Ryan Reeves, dass die Geschichte entgegen der landläufigen Meinung nicht für Kinder konzipiert war. „Sein Zielpublikum sind erst einmal die Kollegen an der Universität von Oxford gewesen, der literarische Zirkel der Inklings, zu dem andere Fantasy-Autoren wie C. S. Lewis zählten.“ Aus diesem Grund sei das Buch reich an Themen, die jungen Lesern mitunter verborgen bleiben. Dazu gehört eine differenzierte Darstellung des „Bösen“, das sich nicht in Schwarz und Weiß unterteilen lässt.

Wie der Kirchenlehrer Augustinus, so vertritt auch Tolkien die Auffassung, dass es keine rein bösen oder guten Charaktere gibt. Jeder trägt die Fähigkeit in sich, zum Schlechten verführt zu werden, sofern er seinen Begierden nachgibt. Kaum hat Thorin die Hand an das Zwergengold gelegt, da wird er durch den glitzernden Arkenstein in den Wahnsinn getrieben. Die Kreatur Gollum hütet den Ring der Macht und verliert darüber den Verstand. Der Drache Smaug wiederum reagiert auf die Eindringlinge in seiner Schatzkammer mit einem Zorn, „wie man ihn nur bei reichen Leuten erleben kann, die mehr haben, als sie brauchen, und plötzlich etwas verlieren, das sie schon lange besitzen, aber noch nie benutzt oder benötigt haben.“

Daher interpretiert Literaturkritiker Denis Scheck den Roman als „grandiose Kapitalismus-Satire“, an deren Ende Sätze stehen wie: „Gäbe es solche nur mehr, die ein gutes Essen, einen Scherz und ein Lied höher achten als gehortetes Gold, so wäre die Welt glücklicher.“

Tolkien übte Kritik an der Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, die sich durch fortschreitende Maschinisierung von einer spirituell geprägten Moral entfernte und einem technikgläubigen Materialismus zuwandte. Da dieser Wertewandel bis in die Gegenwart prägend ist, hat der „Hobbit“ nichts von seiner Aktualität eingebüßt. „Heute kann man Objekte wie den Arkenstein oder den Ring als Symbole für das Internet lesen“, meint Ryan Reeves. „Sie bieten wunderbare Möglichkeiten, um die Welt positiv zu gestalten, und sind doch gleichzeitig Werkzeuge der Macht, Kontrolle und der Entmenschlichung.“

Bilbo Beutlins moralischer Sieg besteht darin, dass er sich Gier und Herrschsucht weitgehend verweigert. Der bescheidene Höhlenbewohner lässt sich nicht vom Gold blenden und versucht sogar einen Krieg zwischen den gewinnsüchtigen Zwergen, Elben und Menschen zu verhindern. Daher darf er am Ende in sein grünes „Auenland“ zurückkehren, das paradiesisch anmutet wie die Welt vor dem Sündenfall. Doch Bilbo selbst hat seine Unschuld verloren, weil er gezwungen war, ein Schwert in die Hand zu nehmen.

Im Unterschied zu den Verfilmungen haftet den Kämpfen in Tolkiens Buch kein heroischer Zug an. Statt eines Action-Spektakels wird ein „animalisches Grauen“ beschrieben, das unnötig Leben und Natur zerstört. Die Schilderungen der verbrannten Erde, die Smaug hinterlässt, und der öden Landschaft, auf der die fünf Heere zum finalen Kampf aufmarschieren, spiegeln Tolkiens Erlebnisse als Veteran des Ersten Weltkriegs. Mit Glück überlebte er die Schlacht an der Somne, während die Mehrheit seiner Schulkameraden fiel.

Horror des Krieges

Der Literat gestand, dass die ständige Angst im Schützengraben das „kreative Feuer“ in ihm schürte – und das Sendungsbewusstsein, kommende Generationen vor dem Horror des Krieges zu warnen. Nicht von ungefähr verfasste er den „Hobbit“ zu einer Zeit, da der Faschismus in Europa um sich griff.

„Tolkien hatte nicht die Absicht, zukünftige politische Realitäten vorherzusagen, aber seine Erzählungen ließen erahnen, wie die Zukunft möglicherweise aussehen könnte“, schreibt sein Biograf John Garth. Der Ruf nach Frieden verhallte ungehört. Noch während J. R. R. Tolkien an dem Nachfolgeband „Der Herr der Ringe“ schrieb, brach der Zweite Weltkrieg aus. Verbittert schrieb er in seinem Vorwort zur revidierten Ausgabe im Jahre 1966: „Was die Botschaft des Buches angeht, so hat es nach Ansicht des Autors keine. Der wirkliche Krieg hat weder in seinem Verlauf noch in seinem Ausgang eine Ähnlichkeit mit dem der Sage.“

Seine Anhänger hält es jedoch nach wie vor nicht ab, an den Zauber eines Märchens zu glauben, in dem sich „durch äußerste Anspannung aller guten Kräfte das Unheil abwenden lässt“, sagt Roland Rottenfußer, Chefredakteur des Webmagazins „Hinter den Schlagzeilen.“ In dem Zusammenhang ist es kein Zufall, dass sich ein neuerlicher Hobbit-Boom ausgerechnet nach den Anschlägen des 11. Septembers ausbreitete. Die Angst vor Terror-Attacken und globalem Krieg lässt die Menschen zu einem Buch greifen, das mit christlicher Metaphorik und humanistischem Denken aufgeladen ist. So wünscht sich der Lesende, während er in Gedanken mit Bilbo Beutlin zum Einsamen Berge reist, es mögen auch in der realen Welt die säbelrasselnden Orks zum Schweigen gebracht werden. Auf dass sich die Lehre des weisen Magiers Gandalfs eines fernen Tages durchsetzt: „Wahrer Mut bedeutet nicht, Leben nehmen zu können, sondern es zu bewahren.“

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