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Asylbewerber wehrt sich gegen Abschiebung: In Pakistan wartet das Unheil

Angst, Hass, Schrecken und die Hoffnung auf ein sicheres Leben. Ein im Landkreis Limburg-Weilburg lebender pakistanischer Flüchtling soll abgeschoben werden, doch in seiner Heimat drohe ihm der Tod. 221 Menschen aus der Region Limburg setzen sich mit ihrer Unterschrift dafür ein, dass Saqib Jawad bleiben kann. Er hat nun Schutz im Kirchenasyl gefunden.
Mit Zeitungslektüre macht sich Saqib Jawad, der nicht von vorn fotografiert werden möchte, mit der deutschen Sprache vertraut. Mit Zeitungslektüre macht sich Saqib Jawad, der nicht von vorn fotografiert werden möchte, mit der deutschen Sprache vertraut.
Limburg. 

„Saqib ist ein sehr aufrichtiger, kontaktfreudiger Mann, lernt ständig neue Menschen kennen“, erzählt Bernd Matejka. Er ist einer der ehrenamtlichen Helfer, die sich in Hünfelden-Kirberg im Landkreis Limburg-Weilburg um die Flüchtlinge kümmern. So dauerte es auch nicht lange, bis der Pakistaner Saqib Jawad (33) in der Region viele Freunde gefunden hatte, nachdem er im Mai letzten Jahres in die Kirberger Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge gekommen war. Zuvor sei er knapp sechs Wochen im Erstaufnahmelager in Gießen gewesen. „Wir wollen, dass Saqib in Deutschland bleiben darf. Er passt hier hin und ist in das Dorfleben super einbezogen, viele kennen ihn. Weihnachten hat er mit uns zusammen gefeiert“, erzählt Matejka.

Jawad erhielt Ende vergangenen Jahres seinen schriftlichen Ablehnungsbescheid verbunden mit einer Abschiebungsandrohung. Sein Asylantrag könne nach EU-Recht (Dublin-III-Verordnung) nicht akzeptiert werden, da er schon in Italien registriert worden sei und demnach dorthin zurück müsse, hieß es in dem Schreiben. Und von Italien aus müsse er nach Pakistan, wo er umgebracht werden könnte. Die Italiener erachten seine Asylgründe als Familiendelikt. Das wollen seine Freunde und viele andere Menschen aus Limburg und Umgebung nicht hinnehmen und reichten eine von Helfer Matejka lancierte Petition mit 221 Unterschriften beim Hessischen Landtag in Wiesbaden ein, mit der Bitte, Jawad ein Folgeasylverfahren zu gewähren. Wiesbaden leitete das Gesuch an den Bundestag in Berlin weiter, da nur dieser sich mit Dublin-Fällen befasse.

Nach Angabe des Petitionsausschusses des Bundestages sei die Erfolgsquote solcher Petitionen allerdings äußerst gering.

Volker Beck, innenpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag und Mitglied im Innenausschuss, fordert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf, im Falle Jawads von seinem „Selbsteintrittsrecht Gebrauch zu machen, wenn Anhaltspunkte bestehen, dass einem Flüchtling sonst die Abschiebung in einen Verfolgerstaat droht. Auch wenn Italien nach der Dublin-Verordnung zuständig ist, darf Deutschland den Asylantrag selbst prüfen“, so Beck. Bisher sei Jawad keine Frist für eine Ausreise nach Italien mitgeteilt worden, es bleibt bei der Abschiebungsandrohung.

Aktuell befindet sich der Flüchtling in Kirchenasyl im Landkreis Limburg-Weilburg. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums erwirken die Kirchen mit ihrem Asyl meist, dass die Frist von sechs Monaten nach Erhalt einer Abschiebungsandrohung verstreicht, innerhalb der die Bundesrepublik den Flüchtling aktiv abschieben muss, und der Flüchtling bleiben kann.

Neu Asyl beantragen

Nach Aussage des Flüchtlings wollten ihn in Pakistan militante Extremisten umbringen, seine Frau sei bereits tot. Da er von einer nicht-staatlichen Organisation, der sunnitischen Terrororganisation Sipah-e-Sahaba wegen eines religiösen Motivs verfolgt werde, liege eine Klassifizierung als Flüchtling nach UN-Definition nahe. In Pakistan habe darüber hinaus ein islamischer Rechtsgelehrter (Mufti) über ihn eine sogenannte Fatwa verhängt, das sei ein muslimisches Rechtsgutachten, das ihn für vogelfrei erklärt habe.

Das Innenministerium in Berlin und das BAMF bestätigen, dass Saqib Jawad vermutlich nur die Möglichkeit bleibe, in Italien mit einem Anwalt sein Asylgesuch erneut vor Gericht vorzutragen. Dies sei allerdings nur möglich, wenn „sich die Sach- oder Rechtslage zugunsten des Betroffenen geändert hat oder neue Beweismittel vorliegen“, so das BAMF.

Wie Volker Beck von den Grünen drängt auch Sevim Dagdelen, Beauftragte für Migration und Integration der Links-Fraktion im Bundestag, auf ein Eintreten Deutschlands in dem Fall: „Das Dublin-System geht bewusst von der irrigen Annahme aus, alle EU-Staaten würden rechtsstaatliche Standards bei der Behandlung von Flüchtlingen einhalten wollen. Zurecht sind deshalb Überstellungen auch nach Italien von deutschen Gerichten immer wieder untersagt worden. Treffen die Angaben zu, würde das die Vorwürfe gegen Italien bekräftigen und das Selbsteintrittsrecht Deutschlands rechtfertigen.“ Nach eigenen Angaben war Jawad in Pakistan Franchise-Nehmer eines international agierenden Finanzdienstleisters. Der Wirtschaftswissenschaftler lebte wohlhabend, gehörte zur Mittelklasse, wie er sagt.

Seine sunnitische Familie sei sehr gut mit einer anderen schiitischen Familie befreundet gewesen, deren Tochter Zainab er später sogar geheiratet habe. Für die Familien soll dies kein Problem dargestellt haben. In der Islamischen Republik Pakistan sei solch eine Verbindung aber außergewöhnlich, da trotz demokratischer Verfassung religiöse Minderheiten wie Schiiten und Hindus, aber auch Nicht-Sunniten von Milizen und Extremisten diffamiert, unterdrückt und getötet würden, so das Auswärtige Amt.

Jawads Stiefbruder Kashif sei als Anführer der sunnitischen Terrororganisation Sipah-e-Sahaba einer von jenen, die Nicht-Sunniten als fehlgeleitet ansehen und umbringen würden. Die Heirat mit der Schiitin habe sein Bruder nicht akzeptiert. Nur vier Tage nach der Heirat sollen nach Jawads Angaben fünf bewaffnete Männer eines von seinen Büros aufgesucht, um sich geschossen, zwei von seinen verletzt und seine Frau getötet haben. „Man hat in Pakistan keine Chance, wenn man religiös verfolgt wird“, erzählt Jawad. Also habe er sich damals schweren Herzens dazu entschlossen, seine Heimat zu verlassen. „Ich wollte einfach nur raus aus Pakistan.“ Sein Schwiegervater habe die umgerechnet 5000 Euro teure Flucht bis nach Italien organisiert und bezahlt. Zehn Tage nach der Hochzeit und fünf Tage nach dem Attentat habe Jawad mit einer Kontaktperson und fünf anderen Flüchtenden sein Land verlassen.

Mühsame Flucht

Teils zu Fuß, teils mit Bussen oder auch mit dem Auto, erzählt Jawad, seien sie über den Iran, die Türkei und Griechenland nach Italien gereist. Für jedes Land gab es einen anderen Kontaktmann. „Ich hatte solche Angst, wir wussten ja nicht einmal, wohin die Männer uns brachten. Wir sind ihnen blind gefolgt.“ Geschlafen hätten sie während der abenteuerlichen Reise in Kofferräumen der Schmuggler-Fahrzeuge. Die gesamte Flucht durch den Mittleren und Nahen Osten gestaltete sich wegen des oft unwegsamen Geländes äußerst schwierig und anstrengend, einige Männer seien dabei gestorben.

Von Griechenland aus seien sie mit einem Schnellboot über das Mittelmeer nach Italien gefahren, wo der Kontaktmann die Gruppe sich selbst überlassen hätte. Zum Glück hätten hilfsbereite und freundliche Einwohner die ausgelaugten Männer versorgt. Er ließ sich dann von den italienischen Behörden registrieren und sei für ein Jahr in ein Flüchtlingscamp in Crotone (Kalabrien) eingewiesen worden. „Es war schrecklich! Wir bekamen teilweise tagelang kein Essen, lebten in Containern. Wenn es Essen gab, dann war es alt und gammelig“, erzählt Jawad.

Nach zehn Monaten in dem Camp hatte er sein Asyl-Gespräch und hoffte darauf, dass er endlich aus dieser elenden Situation, wie er sie empfand, ausbrechen konnte. Doch dann die Enttäuschung – er sollte abgeschoben werden. Dagegen wehrte Jawad sich und legte Widerspruch ein. Die Berufung habe nach einer Verlängerung insgesamt ein Jahr Bearbeitungszeit in Anspruch genommen. Währenddessen sei er obdachlos gewesen und durchs Land gezogen und er wohnte sogar einmal in einem Döner-Laden nahe Venedig. „In diesem Laden habe ich täglich 17 Stunden gearbeitet. Es war die Hölle, ich wurde ausgebeutet“, sagt Jawad. Er hätte dort rund 700 Euro im Monat bekommen, also nicht einmal 1,50 Euro pro Stunde. Schließlich habe er noch ein weiteres Jahr illegal in Italien gelebt, bevor er durch einen Freund in Frankfurt Ende März 2015 über Paris und Frankfurt für 40 Tage ins Erstaufnahmelager nach Gießen gelangt sei.

Italien sei für ihn eine solch schlimme Erfahrung gewesen, dass er auf keinen Fall mehr dorthin zurückwolle. „Lieber sterbe ich in Pakistan, als dass ich wieder durch die Hölle in Italien gehe“, sagt er. Deutschland würde ihm einen Gefallen tun, sagt er, wenn die Bundesrepublik ihn bei einer Abschiebung lieber direkt nach Pakistan bringen würde. „Ich habe alles aufgegeben, was ich hatte und kannte“, sagt er.

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