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TV-Kritik: "Macht euch keine Sorgen": Toll gespielt und dennoch halbgar

Von Familie Schenk in heller Aufregung: Sohn Jakob, der angeblich in Spanien Urlaub macht, hat sich in Syrien dem Islamischen Staat angeschlossen.
V.l.n.r.: Simone (Ulrike C. Tscharre), David (Leonard Scheicher) und Stefan Schenk (Jörg Schüttauf) wollen im Internet mehr über Jakob erfahren. Foto: (WDR Presse und Information/Redak) V.l.n.r.: Simone (Ulrike C. Tscharre), David (Leonard Scheicher) und Stefan Schenk (Jörg Schüttauf) wollen im Internet mehr über Jakob erfahren.

Wenn es an der Tür klingelt und dann nichts mehr so ist, wie es vorher war: Simone (Ulrike C. Tscharre) und Stefan Schenk (Jörg Schüttauf) müssen da durch. Vor der Tür steht ein Trupp LKA-Beamter mit einer Horrornachricht: Sohn Jakob (Leonard Carow), der angeblich mit einem Kumpel in Spanien Urlaub macht, soll sich in Wirklichkeit in Syrien dem IS angeschlossen haben. Das eigene Kind ein Terrorist und Mörder?

Auf dem Handy ist Jakob nicht zu erreichen. Schließlich bricht Stefan zusammen mit seinem Sohn David (Leonard Scheicher) in den Nahen Osten auf, um Jakob über verschiedene Kontaktleute zurückzuholen. Eine Mission, die gelingt. Aber als Jakob wieder heimkommt, fangen die Probleme erst richtig an. Warum genau kam er wieder zurück? Plant er eventuell einen Anschlag? Nicht nur seine Eltern stellen sich diese Frage.

Ergänzung zu "Brüder"

In gewisser Weise kann man diesen Film als Ergänzung zu Züli Aladags zweiteiligem Dschihad-Drama „Brüder“ betrachten, das die ARD vor einem halben Jahr ausgestrahlt hat: Konzentrierte sich "Brüder" auf den Studenten Jan Welke und dessen Orientierungslosigkeit, die ihn schließlich in die Fänge radikaler Salafisten und in den syrischen Bürgerkrieg trieb, so widmet sich "Macht euch keine Sorgen" den eines solchen jungen Mannes.

Ein Konzept, das einerseits Vorteile bietet, weil sich hier eine Durchschnittsfamilie als perfektes Identifikationsmodell anbietet.  Emily Atef (Regie) zeigt denn auch die Familie mit dem abwesenden Sohn immer wieder in ihrem häuslichen Umfeld, das vor allem eine erschütternde Normalität ausstrahlt. Eine Normalität, in der viele Zuschauer ihr eigenes Zuhause wiedererkennen dürften. In der aber nichts mehr wirklich normal ist.

Problematisches zweites Drittel

Die Reise von Vater und Sohn in den Nahen Osten hinterlässt demgegenüber einen etwas zwiespältigen Eindruck. Einerseits ergeben die in Israel entstandenen Wüstenszenen einen wirkungsvollen optischen Kontrast zum ersten Drittel des Dramas. Sie erhöht anfänglich auch die Spannung, weil man sich fragt, wie die beiden mit etwas Schulenglisch, ohne Ortskenntnisse und ohne arabische Sprachkenntnisse in einem solchen Land zurechtkommen wollen.

Andererseits wirkt die Reise aber auch erzähltechnisch etwas ziellos, wie ein halbgares Abenteuergarn, das im Wesentlichen von seinem exotischen Schauplatz lebt. Es wirkt auch nicht besonders glaubwürdig, wenn sich Stefan etwa völlig naiv von einem Mann dazu drängen lässt, einfach allein in dessen Auto einzusteigen. Auf diese Episode hätte die Geschichte deswegen besser verzichten sollen.

Zumal das spannendste Kapitel erst anbricht, wenn Jakob nach Hause kommt. Hier kann Atef viele Möglichkeiten ausspielen, die totale Verunsicherung der Familie Schenk und ihres Umfelds zu zeigen: Hilflose Blicke bei den Eltern, misstrauische Fragen von Polizisten, Nachbarn und Lehrern, die zunehmende Wut und Eifersucht des älteren und problemloseren Sohnes auf die vermeintliche Nachsicht der Eltern Jakob gegenüber.

Woran der Film generell leidet

Dennoch leidet die Geschichte daran, dass das Drehbuch hier nur wenig auf den Punkt bringt. Es gibt viele Nebenfiguren, von denen aber nur Mathias Lehnert (Rainer Sellien) etwas mehr Profil erhält. Von der Geschichte des extremen Freundes, die bei der Radikalisierung Jakobs eine gewisse Rolle spielte, kommt viel zu wenig durch. Das die Eltern so gar nichts von Jakobs Radikalisierung gemerkt haben, obwohl ihr Sohn stets ein Sorgenkind war, bleibt nur schwer nachvollziehbar.

Es entsteht zu viel Schweigen in der Familie, was mitunter für Längen sorgt: Nur wenn Vater Stefan mal ein wenig schärfer im Ton wird, kommt etwas Schwung in die Handlung. Warum sich plötzlich Jakobs kleine Schwester in der Schule verschleiert zeichnet, wird auch nicht recht klar: Das würde nur Sinn machen, wenn Jakob zumindest versucht hätte, sie entsprechend zu beeinflussen. Allerdings reagieren seine Eltern darauf nicht in glaubwürdiger Weise.

Auch gerät seine Mutter Simone zu sehr ins Hintertreffen: Zwischen ihr und ihrem Mann hätte es viel mehr Auseinandersetzungen geben müssen. Schon durch Davids wachsende Eifersucht bedingt. Am Ende serviert die Geschichte zwar noch einen hübschen Einfall: In wenigstens einem Punkt hat Jakob seinen Vater angelogen. Dennoch und trotz der sehr guten Schauspieler hinterlässt der Film den Eindruck, dass die Macher mit dem Thema nicht wirklich etwas anfangen konnten.

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