Wenn das Pflaster die Wunde überwacht

Intelligentes Pflaster, Ultraschall „to go”, 3D-Datenbrille im OP - die Digitalisierung hat die Medizin erfasst. Der Arztberuf wird sich durch Apps, Clouds und Roboter verändern.
Ein intelligentes Pflaster überwacht den Wundheilungsprozess mittels Temperaturmessung und sendet die Daten an eine App auf dem Smartphone. Foto: Marcel Kusch/dpa Ein intelligentes Pflaster überwacht den Wundheilungsprozess mittels Temperaturmessung und sendet die Daten an eine App auf dem Smartphone.
Düsseldorf. 

Das „intelligente Pflaster” überwacht die Wundheilung und meldet Unregelmäßigkeiten per App dem Arzt oder Patienten. Dies ist nur eine der Neuheiten, die gerade auf der Medizinmesse Medica vorgestellt werden.

Ein Handschuh mit Sensoren misst Signale, leitet die Daten an einen externen Netzwerkspeicher weiter. So sollen für bestimmte Epilepsie-Typen Anfälle vorausgesagt werden können. Oder der Chirurg setzt eine 3D-Brille auf, die ihm bei einer Tumoroperation die exakte Position eines Lymphknotens übermittelt.

Die Digitalisierung der Medizinwelt erscheint manchmal wie Science-Fiction. In Arztpraxen, Kliniken oder auf dem Handy des Patienten ist sie oft schon Realität. Zur Bühne für den technischen Fortschritt in der Medizinbranche wird wieder die weltgrößte Medizinmesse Medica (13. bis 16. November) in Düsseldorf mit mehr als 5000 Ausstellern. „Digitalisierung” - das Wort ist überall zu hören.

Vernetzung, Clouds, Apps, Big Data, Künstliche Intelligenz und Roboter prägten die medizinische Produktentwicklung immer stärker, verkünden die Veranstalter. Dass der Deutsche Krankenhaustag ein Sonderprogramm in Höhe von einer Milliarde Euro für eine Digitalisierungsoffensive in den Kliniken fordert, wirkt fast wie ein Subtext zu diesem Befund.

Ein Allheilmittel ist die Digitalisierung nach Einschätzung von Experten aber nicht: „Nicht alles, was digital ist, ist automatisch gut, und nicht alles, was man selber messen kann, ist immer hilfreich”, sagt Corinna Schaefer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ). So könnten ständige Messungen und kleine Abweichungen, die man sonst gar nicht bemerkt hätte, auch für Beunruhigung beim Patienten sorgen, sagt Schaefer mit Blick auf Gesundheitsapps für das Smartphone. „Bei den wenigen unterstützenden Apps, zu denen man Studien gemacht hat, ist der Nutzen meist nicht nachweisbar oder marginal.”

Auch um das Thema Datensicherheit kommt kein Hersteller herum. Beim Sensor-Handschuh zur Epilepsie-Diagnostik etwa liefen noch Studien zur klinischen Bewertung, auch belastbare Aussagen zur Datensicherheit könnten erst später getroffen werden, sagt Urs-Vito Albrecht von der Medizinischen Hochschule Hannover. Albrecht forscht unter anderem über Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps. Die „üblichen Datensicherheitsrisiken” für Cloud-Dienste, wie etwa die unerwünschte Auswertung durch Anbieter von Online-Speichern, bestünden auch hier, sagt er.

Neu auf der Medica ist auch eine Ultraschall-App aus dem Google Play Store, die als „Ultraschall to go” etwa in der Notfallmedizin an Unfallorten zum Einsatz kommen soll. Die App wird auf dem Smartphone oder Tablet gestartet und ein Schallkopf per USB-Kabel verbunden. Solche Kombinationen aus App und Hardware sind laut Albrecht leicht, oft günstiger und ermöglichen eine schnelle einordnende Diagnostik vor Ort als klassische Diagnosehilfen. Die Sicherheit hänge vom Hersteller ab.

Wie viele Stunden habe ich heute geschlafen? Habe ich einen gesunden Blutdruck? Diese persönlichen Gesundheitsfragen soll künftig der cloud-basierte Sprachdienst „Alexa” von Amazon beantworten können. Zunehmend widmeten sich inzwischen fachfremde Akteure kommerziell dem Thema digitale Gesundheit, sagt Albrecht. „Grundsätzlich wäre gesellschaftlich zu diskutieren, wo denn hier die Grenzen gezogen werden sollen.” Bei Fragen der Diagnostik und Therapie gelten laut Albrecht andere Maßstäbe als für Fitness- und Wellness-Apps. „Die Menschen haben in der Regel schon ein gutes Gespür dafür, mit welchem Thema sie sich wem anvertrauen oder ausliefern.”

Für Franz Joseph Bartmann von der Bundesärztekammer haben manche sensorischen Messsysteme - „ob in Handschuh, Schuh oder Unterhemden integriert” - derzeit eher noch experimentellen Charakter, aber „für die Versorgung noch keine unmittelbare Relevanz”. Gesundheits-Apps aber werden „erhebliche Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient” haben, sagt Bartmann.

Der Patient sei künftig „der Herr der Daten”, die er dem Arzt zur Verfügung stelle. Es gebe schon erste Vorhersagen, dass der klassische Hausarzt „der erste sein könnte, der angesichts dieser Entwicklungen seine Bedeutung verlieren wird”. Für die ältere Generation mit großer Krankheitslast mag der Gang zum Arzt noch eine emotionale Komponente haben. „Die jungen Leute, die mit digitalen Techniken groß geworden sind, entwickeln, bis es für sie soweit ist, mit Sicherheit eine ganz andere Einstellung”, glaubt Bartmann.

Das gilt im übrigen wohl auch für die Datensicherheit. Corinna Schaefer sagt: „Ich glaube, dass die meisten Menschen schon jedes Gefühl für die Privatheit von Daten verloren haben.” Für Schaefer ist wichtig: „Bei medizinischen Interventionen sollte der Arzt den Patienten auch gesehen haben und nicht nur den Computer, der Algorithmen rechnet.”

(Von Dorothea Hülsmeier, dpa)
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