Danke, Doktor

59 160 Arbeitsunfälle ereigneten sich 2009 in Hessen, 4 070 wurden in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) Frankfurt behandelt. Keiner war so dramatisch wie der, den Marcus Rümmele (44) vor 5 Jahren erlitt. Eine Kreissäge trennte dem Schreiner beide Hände ab. In der BGU wurden sie ihm wieder angenäht.

59 160 Arbeitsunfälle ereigneten sich 2009 in Hessen, 4 070 wurden in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) Frankfurt behandelt. Keiner war so dramatisch wie der, den Marcus Rümmele (44) vor 5 Jahren erlitt. Eine Kreissäge trennte dem Schreiner beide Hände ab. In der BGU wurden sie ihm wieder angenäht.

Frankfurt. «Alte Kumpels», denkt man unwillkürlich, wenn man sieht, wie sich die beiden begrüßen, mit Handschlag und Schulterklopfen. «Er ist ein richtig guter Freund», sagt Marcus Rümmele. Reiner Winkel, Chefarzt an der BGU, nickt und grinst, was offenkundig soviel bedeutet wie: «Beruht auf Gegenseitigkeit.» Viele und große Worte sind beider Sache nicht. Dass sie einander nahe sind, spürt man dennoch sofort. Der Beginn dieser wunderbaren Freundschaft war ein entsetzlicher Unfall.

Es ist der 18. September 2004, ein Samstag. Marcus Rümmele arbeitet in der Schreinerwerkstatt in Rodgau. Ein eiliger Auftrag. Sein Arbeitgeber, ein Unternehmer für Innenausbau, braucht seine besten Leute deshalb auch an jenem Samstag. Marcus Rümmele ist ein begeisterter und erfahrener Schreiner. Mit den komplizierten Maschinen kennt er sich aus, auch mit der liegenden Tischkreissäge, die er an jenem Vormittag bedient. Und die ihm zum Verhängnis wird. Die Maschine trennt ihm beide Hände vom Körper, ohne dass Marcus Rümmele das Unheil, das er, wie er erzählt, «in Bruchteilen von Sekunden unaufhaltsam kommen sieht», abwenden kann.

«Ich habe geschrieen wie am Spieß», erinnert er sich an den Moment, als das Grauenhafte passiert. Schmerz habe er praktisch keinen empfunden, auch sei wenig Blut geflossen. Dann geht alles ganz schnell. Die Mitarbeiter laufen zusammen, Marcus kollabiert. Ein Kollege bindet ihm geistesgegenwärtig die Armstümpfe ab, ein anderer alarmiert den Rettungshubschrauber, ein dritter sammelt die abgetrennten Hände vom Werkstattboden, packt sie sorgfältig mit ein paar Kühl-Akkus ein, gibt sie den Rettungssanitätern mit.

Dieser Septembersamstag ist auch für die BG-Unfallklinik ein besonderes Datum, bis heute. Als die Anfrage von der Einsatzleitstelle kommt, ob die BGU den schwerstverletzten Schreiner mit den abgetrennten Händen versorgen kann, sagt Professor Dr. Reinhard Hoffmann, Ärztlicher Direktor, sofort zu.

Noch während der Rettungshubschrauber unterwegs ist, organisiert er Operationsteams aus dem Klinikum Offenbach, dem er ebenfalls vorsteht, um die Mannschaft in der BGU zu verstärken, denn ihm war klar: Was jetzt kommt, ist eine unabsehbar lange Operation, wo zwei Teams gleichzeitig arbeiten müssen, eines am rechten Arm des Schreiners, das andere am linken. «Das Ziel war es von Anfang an, die abgetrennten Hände zu replantieren», erklärt heute Dr. Reiner Winkel, Chefarzt der Abteilung für Hand- und Plastische Chirurgie.

Knochen zusammenfügen

Erster Arbeitsschritt war, die durchtrennten Knochen wieder zusammenzuführen, für erfahrene Chirurgen ein Kinderspiel, wie Dr. Winkel versichert. Er selbst kam an jenem Schicksalstag ins Spiel, als die OP-Teams schon eine Stunde lang genau damit beschäftigt waren. Anschließend ging es darum, die durchtrennten Blutgefäße, die Sehnen und Nerven wieder so zusammenzunähen, dass die Hände wieder durchblutet, dass sie beweglich sein würden. 20 Stunden saß Reiner Winkel an jenem Tag im Operationssaal, um unter dem Mikroskop zu retten, was zu retten war.

Eine Woche lang musste Marcus Rümmele wieder und wieder operiert werden: Weil die Sauerstoffversorgung in den replantierten Händen zu schlecht war, weil die Venen verstopften und die Durchblutung nicht funktionierte. «Es gab den Moment, da dachte ich, die Hände sind nicht zu retten, die muss ich amputieren», erinnert sich Dr. Winkel. Schweren Herzens habe er seinem Patienten das mitgeteilt. «Schließlich hätte er das Einverständnis geben müssen zu dem Eingriff», so Dr. Winkel.

Immenser Kämpfermut

Da hatte er aber nicht mit dessen Kämpfermut gerechnet. «Ich habe dem Doktor gesagt: Ich hab mir die Hände ab gemacht, du hast sie mir wieder dran gemacht. Nun sorge dafür, dass sie dran bleiben», erzählt Marcus Rümmele. «Das war ein klarer Auftrag», sagt Dr. Winkel und schmunzelt heute dazu. Damals hat er vor Sorge den Kopf gewiegt und seinen tapferen Patienten erneut operiert. Im Mai 2006 hat Marcus Rümmele an einer Arbeits- und Belastungserprobung für seine erlernte Tätigkeit als Schreiner teilgenommen. Wieder gab es eine Komplikation. Wieder musste Dr. Winkel ran. Auch das ist nun behoben. Geblieben ist ein Nervenschaden in den Händen, der Marcus Rümmele dazu zwingt, sämtliche Tätigkeiten unter Sichtkontrolle auszuführen, weil er nicht besonders gut fühlt. «Aber ich kann wieder angeln und Rad fahren», sagt er und knufft seinen Freund, den Doktor. Sichtlich dankbar. enz

Zur Startseite Mehr aus Themen von A bis Z

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen