Kleiner Laden, gut im Geschäft

Knapp 5000 Geschäfte gibt es in Frankfurt. 174 davon auf der Zeil zwischen Konstabler- und Hauptwache, wo 11000 Menschen pro Stunde unterwegs sind. Wie kann ein kleines Geschäft wie «Die Wolke» auf der Berger Straße da überleben?

Knapp 5000 Geschäfte gibt es in Frankfurt. 174 davon auf der Zeil zwischen Konstabler- und Hauptwache, wo 11000 Menschen pro Stunde unterwegs sind. Wie kann ein kleines Geschäft wie «Die Wolke» auf der Berger Straße da überleben?

Frankfurt. «Wir suchen noch Hosen», sagt die Mutter des kleinen Mädchens. Die Hose dürfe ruhig etwas weiter sein: «Meine Tochter trägt noch Windeln.» Ute Benjelloun zieht eine Schublade auf und holt eine Thermohose heraus. Die Kundin ist zufrieden, die Hose wird gekauft. Genauso wie die rote Mütze mit den Strickblümchen, die ihre kleine Tochter während des Besuchs im Kinderbekleidungsladen entdeckt hat. «Dazu haben wir auch noch einen Schal. Schau mal, wie schick der ist.» Ute Benjelloun wickelt dem Mädchen den Schal um den Hals. «Na, dann brauchen wir auch noch die passenden Handschuhe dazu», sagt die Mutter. Eine Hose für die Tochter hatte sie gesucht, gefunden hat sie viel mehr. Und dazu musste sie nicht einmal selbst wühlen, Kleiderbügel herumschieben oder nach Größen-Schildchen fingern.

Sagen, was man will, es begutachten, Fragen stellen, kaufen oder nicht kaufen – so geht das in Ute Benjellouns Kindermodeladen. «Die Wolke» in der Berger Straße 32. Denn hier gibt‘s, was man in den großen Bekleidungsgeschäfte heute nicht mehr findet. Beratung, Service und manchmal sogar ein Geschenk. Ute Benjellouns «Wolke» ist so etwas wie eine Oase in der Servicewüste der Selbstbedienungsketten: ein Laden mit Persönlichkeit. Nicht sehr groß. Aber vollgestopft bis unter die Decke. An den Wänden stehen Regale mit Hosen, Hemden, Pullovern, Kleidern, es gibt Strampler, Gummistiefel, Kuscheltiere, Haargummis, Socken, Mützen, Handschuhe, Tipps inklusive: «Sie verlieren die Handschuhe immer? Nähen Sie sie einfach an die Jackenärmel.»

Geschäfte wie «Die Wolke» werden in Frankfurt immer seltener. 4.898 Betriebe des Ladeneinzelhandels und Ladenhandwerks gibt es laut IHK. Als Bestlage gelten Zeil, Roßmarkt, Steinweg oder Schillerstraße – also die City-Adressen. Von den 174 Geschäften zwischen Konstabler- und Hauptwache sind 87 Prozent Filialisten. Hier kann der Quadratmeter bis zu 270 Euro Miete kosten. Zu viel für kleine Fachhändler: Zwischen 1995 und 2009 ist ihr Anteil in der Stadt von 31,2 Prozent auf 14,6 Prozent zurückgegangen ist. Dass der Markt von großen Handelsketten dominiert wird, lässt sich aber schon bei einem Bummel über die Zeil feststellen. «Große Unternehmen kommen mit Power auf dem Markt», sagt Hanns-Peter Laux, stellvertretender Geschäftsführer der IHK. «Bundesweit finden wir überall die gleichen Strukturen.» Letztlich entscheide der Kunde, wer sich auf dem Markt behaupten kann.

Ute Benjelloun setzt sich seit 25 Jahren gegen diesen Trend durch. Damals hatte die Erzieherin und Sozialpädagogin zusammen mit einer Freundin «Die Wolke» eröffnet. Ohne einen blassen Schimmer vom Geschäft zu haben: «Wir hatten keine Ahnung aber viel Idealismus», sagt sie. Die beiden jungen Frauen wollten Naturkleidung und Produkte aus der Dritten Welt verkaufen. «Damit fielen wir schnell auf den Hintern. Also haben wir auf modische Kleidung umgesattelt.» Für die hat Ute Benjelloun ein Händchen entwickelt.

Dennoch: Wie kann sich ein kleiner Laden wie «Die Wolke» gegen Konkurrenten wie H&M und Tchibo durchsetzen? Mit Persönlichkeit, Know-how und Durchhaltevermögen: «Die 90er Jahre waren die besten», erinnert sich Ute Benjelloun. Das schlechteste Jahr erlebte sie 2009. Die Wirtschaftskrise schlug zu, die Kunden wollten sparen. «Man sollte überlegen: Will man ein gutes Stück oder fünf Teile von schlechterer Qualität.» In diesem Jahr sitzt das Geld wieder lockerer. Am Nachmittag hat die 54-Jährige kaum Zeit für eine Verschnaufpause. Thermohosen, Mützen, Daunenjacken, Kleidchen – sie verkauft sie mit Leidenschaft und Geduld. Und glaubt fest daran, dass die Kunden zukünftig kleine Läden wie ihren wieder mehr zu schätzen wissen: «Immer mehr Leute haben das Überangebot und die schlechte Beratung satt.» Individuelle Läden sind immer mehr gefragt. «Auf der Berger Straße haben sich in den vergangenen fünf Jahren neben den Cafés immer mehr kleine Geschäfte angesiedelt.» Ute Benjelloun selbst mag die großen Einkaufstempel nicht, die Zeil meidet sie. «Ich kaufe nur in kleinen Läden.»

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