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Leistungsdruck im Fußball: Mertesacker löst Debatte aus

Auch Barça-Spieler André Gomes berichtet von enormen Belastungen im Profifußball. Per Mertesacker hatte die Diskussion über den Leistungsdruck in Gang gebracht. Die Spielervereinigung fordert ein Umdenken. Doch nur wenige Vereine setzen auf psychologische Hilfe.
Per Mertesackers Interview erregte viel Aufmerksamkeit. Foto: Marius Becker Per Mertesackers Interview erregte viel Aufmerksamkeit.
Berlin. 

Weltmeister Per Mertesacker ist mit seinen bedrückenden Erlebnissen durch den hohen Leistungsdruck im Profi-Fußball nicht allein.

Auch für den Portugiesen André Gomes ist der Fußball zu einem Alptraum geworden. Dabei spielt Gomes mit den besten Fußballern der Welt in einer Mannschaft: Beim FC Barcelona steht er in einem Team mit Lionel Messi, in der Nationalelf spielt er zusammen mit Cristiano Ronaldo. „Die ersten sechs Monate nach meinem Wechsel zu Barça waren ziemlich ruhig, danach brach ein wenig die Hölle über mich herein”, offenbarte der Europameister in einem Interview der Zeitschrift „Panenka”.

Der 24-Jährige wird von den Barça-Fans ständig ausgepfiffen, weil er nicht die Leistungen bringt, die man sich von ihm erhofft hatte. „Ich fühle mich auf dem Platz nicht wohl, denn ich zeige nicht das, was ich kann”, berichtete Gomes. „Meine Freunde sagen, ich spiele mit angezogener Handbremse.” Dabei steht Trainer Ernesto Valverde - ebenso wie der Vorgänger Luis Enrique - trotz der Pfiffe hinter dem Portugiesen.

„Mit dem Druck von außen kann ich durchaus leben. Womit ich nicht gut leben kann, ist der Druck, den ich mir selbst auferlege. Ich bin zu selbstkritisch und perfektionistisch. Ich kann es nicht hinnehmen, Fehler zu machen.” Nach einem Bericht der Zeitung „El País” will Gomes die Hoffnung nicht aufgeben, in Barcelona doch noch Erfolg zu haben. „Ich arbeite daran, dass die Fans den wahren André Gomes sehen”, zitierte das Blatt den Spieler. „Im Augenblick bin ich nur bei 50 Prozent meiner Leistungsfähigkeit.”

Per Mertesacker hatte sich im „Spiegel” ganz ähnlich geäußert und von Brechreiz und Durchfall vor jedem seiner inzwischen rund 500 Spiele als Profi gesprochen. „Der Druck hat mich aufgefressen. Dieses ständige Horrorszenario, einen Fehler zu machen, aus dem dann ein Tor entsteht”, sagte Mertesacker im Rückblick auf das Sommermärchen 2006.

Inzwischen sind auch einige deutsche Fußballer Mertesacker zur Seite gesprungen, seit der „Spiegel” dessen Äußerungen am Samstag veröffentlichte. So sprach Ex-Profi Marcell Jansen dem 33-Jährigen in der „Rheinischen Post” die Vorbildfunktion zu, die ihm Rekordnationalspieler Lothar Matthäus noch abgesprochen hatte. Eintracht-Frankfurt-Verteidiger Marco Russ sagte im hr-Fernsehen, dass der Druck in den vergangenen Jahren enorm zugenommen habe. „Dann kommen natürlich noch die Medien wie Instagram und Facebook dazu, wo Leute anonym ihren Schrott ablassen können und teilweise schon unter die Gürtellinie gehen”, sagte Russ. Das gehe an jungen Spielern nicht so einfach vorbei.

Genau deshalb hält es Ulf Baranowsky von der Spielervereinigung VDV für wichtig, dass schon in den Nachwuchsleistungszentren eine entsprechende psychologische Betreuung stattfindet. Es sei wichtig, den jungen Spielern den Umgang mit dem Leistungsdruck beizubringen, ihnen zu zeigen, was im Profifußball auf sie zukommt. Und ihnen womöglich auch einen Plan B zum Fußball aufzuzeigen.

In den Nachwuchsleistungszentren ist laut Baranowsky die psychologische Betreuung verpflichtend, im Profi-Bereich aber nicht. Eine Spielerbefragung des VDV hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass sich nur bei knapp 15 Prozent der Teams der drei deutschen Top-Ligen permanent Psychologen um die psychische Gesundheit und die mentale Leistungsfähigkeit der Profis kümmern. Psychologen müssten aber proaktiv arbeiten, die Spieler wünschten sich Vorträge und viele Hinweise, sagt Baranowsky. „Die Kritik an den Aussagen von Per Mertesacker zeigt, dass in vielen Köpfen noch kein Umdenken stattgefunden hat.”

Nach den überraschenden Aussagen von Per Mertesacker hat Weltmeisterkollege Thomas Müller Verständnis geäußert und auf wichtige Hilfen hingewiesen. „Ich kann die Gefühle zumindest in manchen Phasen der Karriere nachvollziehen. Das ist etwas relativ Normales im Berufsleben, jeder von uns verspürt einen gewissen Leistungsdruck”, sagte der Kapitän des FC Bayern München.

Es sei wichtig, dass man sich jeder ein „gutes Umfeld” aufbaue, um „das Ganze” zu bewältigen, sagte Müller, der mit Mertesacker 2014 Weltmeister wurde. Menschen, die das nicht hätten, sollten sich bemühen, jemanden zu finden, „der bei der Druckbewältigung hilft”. Ins Detail ging Müller nicht, denn er habe das Interview nicht ganz gelesen und kenne auch nur einige Aussagen.

(Von Fabian Nitschmann und Hubert Kahl, dpa)
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